Zusammen sind sie J&J: die Performer James Leadbitter und Jessica Huber in Luzern. (Bild: zvg)
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Zusammen sind sie J&J: die Performer James Leadbitter und Jessica Huber in Luzern. (Bild: zvg)

Trotz Trump und Burka-Plakaten: Künstler fordern Recht auf Hoffnung

11min Lesezeit

Das Festival B-Sides setzt das laufende Jahr unter ein grosses Motto. Dem Elend dieser Welt wollen sie eine Kultur der Hoffnung entgegensetzen. Den Anfang macht ein schweizerisch-britisches Künstler-Duo. Ihr Rezept: eine positive Erzählung ohne «Bullshit und Zynismus».

Ob das Jahr 2016 tatsächlich schlimmer war als andere zuvor, sei dahingestellt. Aber es ist ein Fakt, dass so manch einer gerade die Hoffnung in das Gute im Menschen – ja in die ganze Welt – verliert. Klimakatastrophen, Flüchtlingselend, Trump …

Angst und Hoffnung bewegten auch das Team rund ums B-Sides dazu, sich 2017 nicht nur mit einem Musikfestival, sondern einem übergeordneten Thema über mehrere Monate hinweg auseinanderzusetzen.

Gegen das Klima der Angst

Zusammen mit dem Südpol bringt das B-Sides das Kunstprojekt «The Art of a Culture of Hope» nach Luzern – diesen Freitag geht’s los (siehe Box unten). Dahinter stecken die Zürcherin Jessica Huber und der Brite James Leadbitter – das Duo nennt sich J&J.

Mit ihren Performances und Aktionen stemmen sie sich gegen ein Klima der Angst. Inmitten der Unsicherheiten und aufkeimenden Bedrohungen wollen die beiden «positive Erzählungen und Raum für Potenzial finden», einen Dialog führen und Verantwortung übernehmen für die Zukunft. James Leadbitter fragt: «Where ist the hope in all this?» Ja, wo ist sie denn geblieben, die Hoffnung?

Passanten auf Luzerner Strassen machen sich für Hoffnung stark.
Passanten auf Luzerner Strassen machen sich für Hoffnung stark. (Bild: zvg)

Als James Leadbitter, der sich selbst «One-Man-Kunst-und-Aktivisten-Kollektiv» nennt, kürzlich in der Schweiz ankam, erschrak er: «Das Erste, das ich sah, war diese Werbung im Bahnhof, ich war ziemlich geschockt.» Er spricht die Burka-Kampagne an, mit der das Nein-Komitee derzeit in Bahnhöfen die Einbürgerungsvorlage bekämpft. «Dass so etwas Rassistisches überhaupt erlaubt ist», wundert er sich.

Gegen die Ohnmacht

Die Abstimmungspropaganda steht exemplarisch dafür, wie wir mit Ängsten umgehen. «Statt dass wir über Angst sprechen, machen wir einander Vorwürfe und suchen Schuldige», sagt Jessica Huber. Und James Leadbitter ergänzt: «Es gibt so viele Dinge, die uns beängstigen – Klimaveränderung, das Auseinanderdriften der EU, Flüchtlingskrise –, und es ist so schwierig geworden, dem etwas entgegenzusetzen. Aber wir glauben fest daran, dass gerade Kultur helfen kann, eine neue Erzählung zu kreieren.»

 

Aber es ist nicht nur die Weltlage, es waren auch private Schicksale, die die beiden immer wieder hoffnungslos machten – etwa eine schwere Erkrankung von James Leadbitters Schwester. «Ich hatte keine Kraft, war total ohnmächtig», sagt er. «Solche Dinge trieben uns an, einen ehrlichen Dialog über Angst in Gang zu setzen und uns zu fragen: Wie hängen die kleinen Geschichten mit den grossen zusammen?», sagt Jessica Huber.

Wie kann Kunst aktiv werden?

Der Ausgangspunkt für ihr Langzeitprojekt «The Art of a Culture of Hope» war 2015. Jessica Huber erinnert sich, als sie James das erste Mal in Bristol traf und auf einem Spaziergang über Wirkung von Angst sprach. «Wir merkten, dass wir in der Gesellschaft viel zu wenig darüber sprechen», sagt sie. «Entweder kapitulierst du und erstarrst, oder du schaffst neue, kleine Räume für Aktionen. Also fragten wir uns: ‹Wie können wir aktiv werden?›» Und auf diesem Spaziergang entdeckten sie auch diese Tafel, die fortan sinnbildlich für ihr Projekt steht: «Hope Centre».

Das «Hope Centre» in Bristol entdeckten die Künstler auf einem Spaziergang.
Das «Hope Centre» in Bristol entdeckten die Künstler auf einem Spaziergang. (Bild: zvg)

Marcel Bieri, Kopf des B-Sides, war sofort empfänglich für dieses Hoffnungsprojekt. Er sagt: «Die Idee, die James und Jessica verfolgen, hat viel mit den Ideen zu tun, mit denen ich mich befasse.» Und er wisse, wie schwierig es sei, für solche Projekte Aufmerksamkeit zu gewinnen. Also spannt man zusammen.

Auch Bieri hatte vor zwei Jahren eine Sinnkrise, hat dabei das ganze Festival hinterfragt. «Wo wollen wir hin? Sind wir einfach ein Festival, an dem sich Leute treffen und zusammen trinken?», fragte er sich. Denn: «Einige Besucher kümmert es nicht gross, was die Künstler auf der Bühne tun.»

«Es gibt so viel giftige Angst und falsche Hoffnung.»

James Leadbitter, Künstler

Marcel Bieri kam zum Schluss: Da muss mehr sein. «Ich sehe meine Aufgabe nicht nur darin, Bands zu buchen, sondern die Aufmerksamkeit der Leute auf die Kunst zu lenken.» Auf Projekte wie «The Art of a Culture of Hope».

Das B-Sides-Team fing Feuer für die Idee. «Das Festival ist an einem Punkt angelangt, wo es neuen kreativen Input braucht, wir profitieren von diesem Projekt, um auf ein neues Level zu gelangen», so Bieri. Weg vom reinen Musikfestival, hin zu einem Netzwerk, zu einer Plattform der Ideen.

Poetischer Aktivismus

Die erste Frucht aus der Kollaboration kann man diesen Freitag erleben: «Tender Provocations of Hope and Fear» heisst die Veranstaltung im Südpol, mit der J&J letztes Jahr bereits in Zürich und Athen waren (siehe Box). Eine Mischung aus Performance und «poetischer, aktivistischer Versammlung», so Huber.

Trailer «Tender Provocations of Hope and Fear»:

Huber und Leadbitter versuchen mit wechselnden Künstlern einen Dialog zu starten. Das Format ist nicht starr, sondern soll sich mit weiteren Denkern, Künstlerinnen und Aktivisten vor Ort stetig weiterentwickeln. Im Februar geht’s nach Bristol, auch Zürich steht wieder auf dem Plan.

«Wir versuchen Künstler zu finden, die sich exponieren, sich emotional öffnen, ihre Verletzlichkeit demonstrieren, wir wollen einen sicheren Raum für ihre Ängste und Hoffnungen schaffen», sagt Leadbitter. Einen positiven Raum neben all dem «Bullshit und Zynismus». Es gebe so viel «giftige Angst und falsche Hoffnung», ist Leadbitter überzeugt, womit wir wieder bei den Politplakaten im Bahnhof wären.

Ein neuer, grosser Dialog

Weiter initiiert das Duo in Luzern sogenannte «Space for Hope»-Workshops. Jessica Huber und James Leadbitter laden Kunstschaffende, aber auch Vereine, Netzwerke oder Schulklassen dazu ein, über Angst und Hoffnung zu diskutieren.

Langzeitprojekt über Angst und Hoffnung

«Tender Provocations of Hope and Fear» heisst die erste öffentliche Veranstaltung im Rahmen des Projekts «The Art of a Culture of Hope» in Luzern: Freitag, 20. Januar, 20 Uhr, Südpol Luzern, Grosse Halle.

Der fünfteilige Abend bietet Performances, Lectures und Projektpräsentationen zu Erfahrungen mit Angst und/oder Hoffnung. Es treten auf: Miriam Walther Kohn und Timo Krstin («Glücklose für Rechtlose)», Jeremy Wades mit der Figur «The Battlefield Nurse» (eine Prostituierte, Heilerin und Hebamme für die Sterbenden), James Leadbitter aka the vacuum cleaner (Bericht aus dem Hochsicherheitstrakt einer Nervenheilanstalt für psychisch kranke Straftäter), die christliche Priesterin Reverend Janet Hephzibah Ashton sowie der Musiker Long Tall Jefferson.

Weitere Veranstaltungen folgen bis hin zum eigentlichen B-Sides-Festival (15. bis 17. Juni).

«Wir fragen Leute, was ihre Ideen sind, was getan werden muss, um die Gesellschaft hoffnungsvoller oder weniger ängstlich zu machen», sagt Huber. Wer hat Angst vor was? Solche Fragen sollen den «grossen Dialog» ankurbeln, der ihnen vorschwebt.

Auch am B-Sides-Festival selbst – zwischen dem 15. und 17. Juni – ist die Hoffnung, sind J&J mit ihren Interventionen, präsent. Das Gelände auf dem Sonnenberg wird visuell und inhaltlich auf «Hope & Fear» eingestimmt. Dies mithilfe von Gabriela Rutz und Ramin Mosayebi, den Designern im Team von Jessica Huber und James Leadbitter. Es wird Installationen auf dem Gelände und Präsentationen auf der Bühne geben.

Ziel: ein Verfassungsartikel

Selbst die Musik und die Küche stimmen sich aufs Thema ein. Wie das genau aussehen wird und was passieren kann, wird man sehen. «Es werden Künstler am B-Sides dabei sein, die sehr offen sind für die Ideen und Themen unseres Projekts, wir werden versuchen, das zu verknüpfen», sagt Marcel Bieri.

So offen und schwer fassbar das alles noch klingen mag – letztlich soll das Langzeitprojekt «The Art of a Culture of Hope» durchaus in etwas Konkretem münden. Das angesammelte Material wächst stetig zu einem «Archive of Hope & Fear», das erstmals im Frühling 2018 sichtbar sein soll.

Was klein beginnt, soll gross enden: Huber und Leadbitter wollen längerfristig das Recht auf eine Kultur der Hoffnung für alle in einem Artikel festhalten, der per Initiative in der Schweizer Verfassung mündet. «Wir verbieten die Politik der Angst», schreiben J&J.

Zu den Personen

Das Duo J&J besteht aus Jessica Huber (Zürich) und James Leadbitter (GB).

Jessica Hubers künstlerisches Schaffen bewegt sich zwischen unterschiedlichen Performance-Welten. Ihre frühen Arbeiten waren choreografisch geprägt, die neueren Produktionen variieren hinsichtlich Form und Ausprägung. Verbindend ist die Suche nach einer Praxis und Ästhetik des Teilens und Austauschens und der gelebte Wunsch nach Kollaboration.

James Leadbitter (aka the vacuum cleaner) ist ein One-Man-Kunst-und-Aktivisten-Kollektiv. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich mit Themen wie Konsum, Klimawandel und psychische Gesundheit. Seit diesem Herbst ist er Artist in Residence at Tate Modern and Britain mit Fokus auf dem Lernprogramm, wo er vorwiegend mit Kindern und Jugendlichen arbeitet.

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