Es wird mit Licht und Schatten gespielt. (Bild: Daniela Herzog)
Kultur Veranstaltung Rezension

Es wird mit Licht und Schatten gespielt. (Bild: Daniela Herzog)

Wenn Realität und Imagination verschwimmen

5min Lesezeit

Wie gehen wir mit der Unzulänglichkeit des eigenen Lebens um? Diese und weitere Fragen wirft der Luzerner Zauberkünstler Alex Porter in seinem neuen Stück auf. Er lässt die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination, Lichtwelt und Schattenwelt, Komik und Tragik verschwimmen – was ihm mit zunehmender Dauer des Stücks auch immer besser gelingt.

Daniela Herzog

Am Dienstagabend feierte der Luzerner Zauberkünstler Alex Porter die Premiere seines neuen Bühnenprogramms «vielFalter» im Kleintheater Luzern. Gemeinsam mit seiner Frau und Regisseurin des Stücks Patrizia Wenk und einem grossen Technikteam gelingt es Porter, das Publikum immer wieder mit neuen überraschenden Tricks zu verblüffen und mit fantastischen, lustigen und geistreichen Geschichten zu verzaubern. Die über 30-jährige Bühnenerfahrung des Künstlers zeigt sich in einem vielfältigen und lebendigen Programm.

Kleine Tricks und grosse Inszenierungen

Ganz traditionell steigt Porter mit einem Kartentrick ins Programm ein. Damit auch alle im Publikum den Trick verfolgen können, wird der Spieltisch gefilmt und auf einer Grossleinwand live gezeigt. Ohne viele Worte, untermalt mit melancholischer Geigenmusik, führt Porter den Trick souverän aus und bringt das Publikum zum Staunen. Danach erzählt er, wie er zu seinem ersten Instrument, der Blockflöte, kam. Die komödiantischen Pointen scheinen zu Beginn der Vorführung etwas lahm.

Doch Porter steigert sich im Laufe des Stücks und schafft es, das Publikum mit den kleinen Alltagsgeschichten aus seinem Leben nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken zu bringen. Diese Geschichten stellen dann auch das Bindeglied zwischen den zahlreichen Zaubertricks dar, welche er genial mit einer melodiös klingenden Fantasiesprache, einem sogenannten Grammelot, inszeniert. Das Fingertanz-Kino, der Orangentrick oder auch der Ringtrick sind einige Highlights der Vorführung. Dabei spielt Porter auch immer wieder mit dem Publikum. Beim Ringtrick war es Alt-Stapi Urs W. Studer, der seinen Ring vom Magier verzaubern liess.

«Ein Wechselspiel von Zauberei, Musik, Theater und Poetik.»

Porter schafft es damit, nicht nur die Vielfalt des Lebens thematisch aufzugreifen, sondern gleichzeitig auf zahlreichen unterschiedlichen Ebenen zu arrangieren. In einem Wechselspiel und Ineinandergreifen von Zauberei, Musik, Theater und Poetik und mithilfe von kleinen, aber wirkmächtigen Bühnenrequisiten produziert Porter magische Bilder.

Ein Hauch von nichts

Alex Porter sieht sich dem Selbstoptimierungswahn unserer Gesellschaft ausgesetzt und möchte sich steigern, möchte etwas steigern. Um niemanden zu verletzen, steigert er Adverbien: «Wenig, noch weniger, noch viel weniger, nichts». Porter traf in seinem Künstlerleben immer wieder auf dieses Nichts. Vor allem beim Warten in den unbequemen Künstlergarderoben wurde er oft mit dem Nichts konfrontiert.

«Porter bringt das Publikum dazu, sich auf das Nichts und die Imagination einzulassen.»

So hat er während 37 Jahren Garderobennichts gesammelt und in eine kleine Schatulle gepackt. Dieses Nichts sei gefragt, Kinder würden sogar Schlange stehen, um etwas vom Nichts zu bekommen, und einige weinten, weil sie nichts vom Nichts erhalten hätten.

Doch was ist nichts? Auch Unsichtbares ist nichts, ist etwas, was er im Kampf mit dem unsichtbaren Drachen vom Pilatus unter Beweis stellt. Porter jongliert mit den Realitäten und bringt das Publikum dazu, sich auf das Nichts, auf das Unsichtbare und die Imagination einzulassen.

Im Zwiegespräch mit dem eigenen Schatten

Für seine Selbstoptimierungszwecke benutzt Porter seinen eigenen Schatten als Zauberassistenz. Porters Schatten hat jedoch das Dasein auf der dunklen Seite des Lebens satt und möchte auch einmal im Licht stehen. Er schafft es, aus der Schattenwelt auszubrechen und den echten Porter dahinein zu verbarrikadieren. In Grönemeyerischer Manier parodiert Porters Schatten-Ich genial den Männer-Song und fragt: «Wann ist ein Schatten frei?»

Doch als das Schatten-Ich einen Zaubertrick nicht zu Ende bringen kann, möchte es wieder mit dem echten Porter tauschen und es kommt zum Zwiegespräch. Nachdem Porter wortwörtlich über seinen eigenen Schatten springt, realisiert er, dass es nicht nur einen Schatten gibt, sondern unzählige, und beginnt mit ihnen zu tanzen.

In einer tollen Film- und Lichtinszenierung der aus Papier aufgehängten Schattenbilder schliesst Porter die Vorstellung musikalisch mit den nostalgischen Klängen von Taxis «Campari Soda», und fordert das Publikum dazu auf, bei einem Campari Soda über die Unzulänglichkeiten des Lebens weiter zu sinnieren. Nach einem tosenden Applaus nehmen sich das die Zuschauer zu Herzen und diskutieren leidenschaftlich an der anschliessenden Premierenfeier weiter.

Das neue Programm «vielFalter» ist noch bis am Samstag, 21. Januar 2017, im Kleintheater Luzern zu sehen.

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