«Der Tunnel» als multimediale Vorstellung im Burgbachkeller. (Bild: zvg.)
Kultur Veranstaltung Rezension

«Der Tunnel» als multimediale Vorstellung im Burgbachkeller. (Bild: zvg.)

Mit Tempo und Trash durch den Gotthardtunnel

5min Lesezeit

Am Donnerstagabend wurde das Publikum im Zuger Burgbachkeller auf eine groteske Fahrt ins Erdinnere entführt. Basierend auf Dürrenmatts Geschichte «Der Tunnel» erlebten die Besucher einen temporeichen und multimedialen Abend.

Marlis Huber

«Der Berg ist gross, wir sind klein.» So hat es der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger beim Durchstich für den Gotthard-Basistunnel vor 17 Jahren gesagt. Vor Kurzem nun wurde dieser längste aller Tunnel in Betrieb genommen. Der Gotthard beflügelt aber nicht nur Bundesräte zu poetischen Reden. Auch der Urner Fotograf Angel Sanchez, der Schauspieler Sigi Arnold und der Sänger und Stimmkünstler Bruno Amstad haben sich auf ihre je eigene Art mit dem eben eröffneten Tunnel auseinandergesetzt.

Mit Bildern von den Bauarbeiten, der Lesung von Friedrich Dürrenmatts Kurzgeschichte «Der Tunnel» und Klangexperimenten lässt sich das Publikum auf einen besonderen Abend ein. Durch die gelungene dramaturgische Umsetzung von Livio Andreina entstand eine multimediale Inszenierung, welche im Verlauf des Abends immer mehr an Tempo gewinnt. Rund hundert Besucher trafen im langen, fensterlosen Gewölberaum ein, der durchaus an einen Tunnel erinnert. Für diesen sphärischen Abend ist der Burgbachkeller in Zug, wo die Premiere am Donnerstag stattfand, geradezu perfekt geeignet.

Auf grotesker Fahrt

Der Urner Fotograf Angel Sanchez hat mit seiner Kamera die Baustelle während der langen Bauzeit regelmässig besucht und fotografiert. Viele Bilder zeigen Mineure bei ihrer Arbeit. Entstanden sind aber auch futuristische Bilder des Tunnels sowie topografische Ansichten des Bergs. Weil dieser Berg nicht nur gross ist, sondern auch alt, beginnt Sigi Arnold zuerst mit der Sage von der Teufelsbrücke bei der Schöllenen. Die Geschichte hat er eigens für dieses Projekt in eine mythische Sprache sowie rhythmische Form gegossen.

Nach diesem ersten Teil aber steigt das Publikum mit Dürrenmatts Student in den Zug Richtung Zürich. Und damit beginnt die groteske Fahrt durch den nicht enden wollenden Tunnel. Die Geschichte geht so: Ein fetter, 24-jähriger Student, lebensuntüchtig, dafür aber mit der Gabe ausgestattet, das Schreckliche hinter den Kulissen zu erkennen, steigt in die Bahn. Kurz nach der Abfahrt taucht diese in einen Tunnel und damit beginnt die zunehmend groteske Fahrt durch das Innere eines Berges. Der führerlose Zug donnert schliesslich in immer schnellerem Tempo in das Erdinnere.

Literatur, Fotografie und trashiger Sound

Im Verlauf des Abends wird auch das Publikum im Burgbachkeller, zusammen mit den Zugpassagieren sowie den Tunnelarbeitern, in den Sog des Geschehens hineingerissen. Der Stimm- und Improvisationskünstler Bruno Amstad begleitet diese Fahrt akustisch: Es zischt und gluggert, pfeift und kreischt; mit Obertönen und Kehlkopfgesang kreiert er eine Mischung aus Mystik, Alpentönen und kaltem Bergwind. Das alles braust durch den Tunnel oder fegt über die Gesteinsmassen hinweg.

«Es ist eine Geschichte, die den Glauben an die Technik infrage stellt, eine Geschichte ohne Happy End.»

Dazu sind die grossen Bilder auf die Bühne projiziert. Die ins surreale abgleitende Geschichte von Dürrenmatt erfährt durch das Ineinandergreifen von elektronischem Sound, der Stimme und der Fotos eine Intensivierung. Es ist eine Geschichte, die den Glauben an die Technik, an die Kalkulierbarkeit der Welt infrage stellt, eine Geschichte ohne Happy End. Und doch scheint es, als würde der junge Mann erst durch die rabiate Katapultation ins Erdinnere aus seiner Passivität herausgerissen und ins richtige Leben geschleudert. 

Weitere Vorstellungen

Samstag, 7. Januar 2017, Burgbachkeller Zug
Samstag, 21. Januar 2017, Literaturhaus Zentralschweiz

Am Schluss nimmt Sigi Arnold die alte Sage nochmals auf und beendet sie mit seiner eigenen Version. «Wegen des Baus des Strassentunnels in den 70er-Jahren versetzte man mit teurem Geld den Teufelsstein. Das gab mir den Anstoss für die Weiterschreibung der Sage», sagt Arnold dazu.

Klein, aber fein

Die Idee für eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Gotthard-Basistunnel hatte Roland Schlumpf, der Leiter des Burgbachkellers. Mit den vier Künstlern aus der Zentralschweiz hat er für die Umsetzung die richtigen Leute gefunden. Es ist ein ziemlich trashiger Abend, der Literatur, eigenwilliger Gesang und visuelle Kunst miteinander verbindet. Eine kleine, aber feine Veranstaltung, wo sich ein Besuch lohnt.

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