Daniele Martin alias «Spotschicht» mit seiner treusten Begleiterin, der Gitarre. (Bild: jav)
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Daniele Martin alias «Spotschicht» mit seiner treusten Begleiterin, der Gitarre. (Bild: jav)

Ein Musikerleben zwischen Strasse und Gefängnis

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Seit Jahren spielt er seine Musik auf Luzerns Strassen. Auch bei eisiger Kälte ist der Strassenkünstler Daniele Martin alias «Spotschicht» täglich mit der Gitarre und seinen selbst geschriebenen Blues-Songs unterwegs. Ausser, wenn er wieder mit dem Gesetz in Konflikt kommt und ins Gefängnis muss.

Der Wind ist eisig, ein paar Schneeflocken fliegen zwischen den Häusern auf und die meisten Menschen auf den Strassen bewegen sich schnell, um bald wieder in der Wärme zu verschwinden.

Doch Daniele Martin steht tapfer in der Luzerner Neustadt vor der Migros und spielt seine Lieder – wie jeden Tag. Zwischen zwei Songs wärmt er sich kurz die Finger, dann geht es weiter.

Ein stadtbekanntes Gesicht

Der Strassenmusiker ist in Luzern ein vertrautes Gesicht. Oft ist er auf Rollerblades unterwegs, immer mit seiner Gitarre auf dem Rücken. Besonders die Neustadt ist sein Zuhause – hier kennt man sich. Auch diesen Mittag grüssen Daniele Martin viele mit Namen. Ein Auto fährt vorbei, die Fahrerin kurbelt das Fenster herunter und ruft ihm ein frohes neues Jahr zu und «bis bald» noch hinterher.

«Die Melodien existieren alle nur in meinem Kopf.»

Regelmässig spiele er seit ungefähr sechs Jahren auf der Strasse. «Und meine Gitarre muss dabei einiges aushalten», erzählt er bei einem Sirup im «Parterre». Gerade letzte Woche seien zwei Saiten auf einmal gerissen. Die Kälte im Winter setzt nicht nur ihm zu.

Gefängnis statt Busse

Eigentlich müsste er jetzt gerade im Gefängnis sitzen. Das erzählte er bei Radio 3fach vor dem Kick Ass Award, wo er am 4. Januar gemeinsam mit Cello Inferno den Award für den besten Strassenmusiker abstaubte.

In Haft muss er, da er die Bussen nicht bezahlen kann, und davon bekommt er nicht wenige. Denn der 43-Jährige spielt oft mittags und später am Abend auf der Strasse – in Luzern ist Strassenmusik jedoch nur von 17 Uhr bis 21 Uhr erlaubt. «So bekomme ich manchmal zwei Bussen pro Tag, manchmal gibt es auch mal eine Woche keine.» Doch das läppert sich zusammen und ungefähr vier Mal jährlich sitzt er daher seine Bussen im Gefängnis ab. Keine angenehme Situation natürlich, doch man kenne sich mittlerweile, die Prozedur sei eingespielt. Trotzdem drückt er sich gerade noch davor. Natürlich sei er sich aber bewusst, dass das nicht lange gut gehen wird.

Einer seiner Stammplätze ist die Migros an der Winkelriedstrasse in Luzern. (Bild: jav)
Einer seiner Stammplätze ist die Migros an der Winkelriedstrasse in Luzern. (Bild: jav)

Eigene Songs, eigene Geschichten

Aufgewachsen ist Daniele Martin mit seiner jüngeren Schwester in Root. Doch schon in der Schulzeit hatte er es nicht einfach. Als er schliesslich mit 16 aus dem dritten Jugendheim abgehauen war, tauchte er ein Jahr in Zürich unter. «In dieser Zeit bekam ich meine erste Gitarre geschenkt», erzählt er.

Seine Musik schreibt der Strassenmusiker nur in Worten auf. Seit dem Klavierunterricht, welchen er sieben Jahre besuchte, kann er zwar Noten lesen, Gitarrenchords hingegen nicht. «Die Melodien existieren alle nur in meinem Kopf.» Es sind rund zwanzig selbst komponierte Songs, von welchen er spricht. Nur ganz wenige Covers befinden sich in seinem Repertoire, deren eigene Versionen er beispielsweise mit eigenen italienischen Texten ergänzt.

Daniele Martin selbst ist Italiener mütterlicherseits und Deutscher väterlicherseits. Den Schweizer Pass besitzt er bis heute nicht. «Den müsste ich beantragen, und das war mir bisher zu wenig wichtig.» Wichtig ist ihm seine Musik. In den selbst geschriebenen Liedern geht es oft um seine eigene Geschichte, seinen Sohn, um Erlebnisse, Hoffnung und traurige Gesellschaftskritik. All das verarbeitet er mit Metaphern, aber zum Teil auch in ganz direkten Worten.

Die Songs, die er schreibt, heissen nicht nur Blues, sie haben ihn auch: Neben dem «Strosseblues» gibt’s den «Türsteherblues» oder den «Fläschliblues». Ein Lied, in welchem der Strassenmusiker viel Verletzlichkeit preisgibt. «Es geht darin um ein leeres Mineralfläschli im Bus, welches nicht beachtet auf dem Boden herumrollt und herumgekickt wird. Das Fläschli bin ich, oder zumindest entspricht dieses Bild oft meinen Gefühlen und Erlebnissen. Doch im Verlauf des Songs wird klar, dass auch in dieser Metapher Gutes steckt.»

Den Blues haben

Die meisten seiner eigenen Lieder seien vor sieben bis acht Jahren entstanden. In der Zeit, als sein Sohn geboren wurde und er als Landschaftsgärtner arbeitete. Eine gute Zeit, in welcher der Luzerner nach Jahren auf der Strasse richtig zur Musik fand.

Seinen Sohn, der mittlerweile sieben Jahr alt ist, sehe er heute nur noch alle drei Wochen. Eine Situation, die ihn sehr belastet. Über seine Drogensucht, die dafür auch ausschlaggebend ist, mag er nicht mehr sprechen. «Wenn die Leute mich Junkie nennen wollen, dann sollen sie es tun», sagt er trotzig. Trotzdem leiste er etwas für sein Geld und spiele jeden Tag mindestens vier Stunden Gitarre. Er sei daher auch kein Stadtoriginal, betont er: «Ich bin einfach Musiker.»

Auf und neben der Strasse

Nicht nur auf der Stasse spielt Daniele Martin. Auch Auftritte an Geburtstagsfesten oder kleinen Anlässen liegen manchmal drin. Täglich steht er jedoch an seinen Stammplätzen: vor der Neustadt-Migros, am Bahnhof und manchmal auch in der Hertensteinstrasse. Abends macht er seine Tour durch die alternativeren Stadtluzerner Beizen. Rund sechs Beizen lassen ihn abends ein paar Songs spielen und eine Kollekte machen. «Ich bin extrem froh darüber», betont er, «dass die Wirte und die Gäste in diesen Beizen so offen und spontan sind.» Im Winter sind die Lokale eine warme Abwechslung zum Spielen auf der Strasse und im Sommer sitzt in den Gartenbeizen ein wohlgesinntes Publikum. Zu einem gelungenen Abend im «Houdini» oder im «Meyer» gehört eines seiner Mini-Konzert auf jeden Fall mit dazu.

Zudem kann er in einigen der Lokale auch sein Hab und Gut deponieren, wenn er zeitweilig keine Unterkunft hat. So ist es auch derzeit: Übernachten muss er in der Notschlafstelle.

Keine CDs mehr

Seit er seine eigenen Songs schreibt, sind auch zwei eigene CD-Produktionen entstanden. Die zweite, welche er im November 2011 aufnahm, hat er bis heute immer wieder neu gebrannt und unter die Leute gebracht. «Es sind bestimmt schon über 2000 Stück, die ich verkauft habe. Und hätte ich immer welche dabei, wären es bestimmt noch einige Hundert mehr», sagt er lachend. Doch derzeit hat er keinen Zugriff auf einen Computer. «Und ehrlich gesagt habe ich alle Exemplare verkauft. Ich müsste erst wieder eine auftreiben, um sie kopieren zu können.»

Wer «Spotschicht» also einmal oder wieder einmal hören möchte, muss sich zum Feierabend an einem seiner Stammplätze blicken lassen. Und Münz mitnehmen. Denn das ist etwas, was er gar nicht leiden kann: Zuhörer, welche die Musik geniessen, danach aber keinen Rappen dafür übrig haben.

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