Severin Ettlins Fotoserie «EXPOSE – Allein unter Menschen» zeigt Aktfotografie an Luzerner Bushaltestellen. (Bild: Photografie Severin Ettlin)
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Severin Ettlins Fotoserie «EXPOSE – Allein unter Menschen» zeigt Aktfotografie an Luzerner Bushaltestellen. (Bild: Photografie Severin Ettlin)

Aktmodell an Bushaltestellen gegen die Midlife-Crisis

9min Lesezeit

Der Horwer Fotograf Severin Ettlin behandelt in einer Fotoserie die Verletzlichkeit und das Ausgestellt-Sein an öffentlichen Orten. Dazu lichtet er ein Aktmodell an Luzerner Busstationen ab – und verarbeitet darin seine Midlife-Crisis.

Pascal Zeder

Nackt und verletzlich hockt sie vor der Sitzbank, ihr Blick introvertiert und abwesend. Sie ist allein an einem sonst belebten Ort: einer Bushaltestelle. Severin Ettlin inszeniert in seiner neuen Fotoserie «Expose – Allein unter Menschen» die Entblössung einer Frau. Das Fotomodell Isa Laupper steht angezogen im Bushäuschen und zieht sich während der Belichtungszeit der Kamera aus. Zurück bleibt das zerbrechliche Aktbild.

Die Fotoserie «EXPOSE» von Severin Ettlin.
Aus der Fotoserie «EXPOSE» von Severin Ettlin. (Bild: Photografie Severin Ettlin)

Ettlins Repertoire geht über Kunst hinaus

Severin Ettlin ist Fotograf mit eigenem Studio in Horw. Der 38-Jährige fotografiert seit seinem 17. Lebensjahr. Angefangen mit analoger, später vorwiegend mit digitaler Fotografie inszeniert Ettlin künstlerische Fotoserien. Er arbeitet dabei oft mit Mehrfach- und Langzeitbelichtung, das verleiht den Bildern ein Moment der Bewegung. Aber Ettlins Schaffen beinhaltet auch Werbe-, Produkt- und Architekturfotografie, die er in Zukunft gemeinsam mit Daniel Kilchmann anbietet. Mit seiner eigener Webseite wird er sich der Kunstfotografie widmen.

Severin Ettlin arbeitet mit langer Belichtungszeit, was Bewegung im Bild ermöglicht.
Severin Ettlin arbeitet mit langer Belichtungszeit, was Bewegung im Bild ermöglicht. (Bild: Photografie Severin Ettlin)

Eine übergreifende Idee

Und man spürt bei «Expose» den künstlerischen Anspruch des Fotografen: Die verlassenen Bushaltestellen zeigten die Einsamkeit, die unter Menschen entstehen kann, sagt Ettlin. Der Akt sei dabei Ausdruck von Entblössung und Zerbrechlichkeit. Der Fotograf vermittelt Botschaften im Abgebildeten und in der angewendeten Technik: Die Bewegungen des Modells zeigen den zeitlichen Prozess, den das Bild durchmacht. Die Verletzlichkeit und die Entblössung sind so nicht stetig – sie entstehen während der Belichtung. Die verhandelten Motive sind also gleichzeitig vorhanden und nicht vorhanden.

«Die nackte Haut sollte nicht zu viel Gewicht bekommen.»

Severin Ettlin, Fotograf

Diese Thematiken gehen für ihn aber über das Fotografierte hinaus, wie Ettlin sagt: «Es geht für mich um globale Gesichtspunkte, die übergreifende Idee. Die Fotoserie hat keinen persönlichen, intimen Bezug zur abgebildeten Person.» Er glaube, dass es nicht nur ihm manchmal so gehe, sich ausgestellt zu fühlen in der Gesellschaft, sagt Ettlin. Und für ihn war auch klar: «Mit der Aktfotografie konnte ich diese Idee des Allein-Seins unter Menschen am ehesten umsetzen. Doch die nackte Haut sollte nicht zu viel Gewicht bekommen.» Die Thematik ist also näher beim Ort – der Bushaltestelle – als beim Modell.

Bewertung von aussen – hier verstärkt durch eine zusätzliche Figur im Bild.
Bewertung von aussen – hier verstärkt durch eine zusätzliche Figur im Bild. (Bild: Photografie Severin Ettlin)

Ein Bewusstsein für (Ab-)Wertungen

Mit seiner Fotografie habe er eine Art Midlife-Crisis bewältigt: «‹Expose› stellt eine Auseinandersetzung mit Herkunft, Entwicklung und Identität dar.» Was seine Vergangenheit beinhaltet, wo er herkommt, das seien Fragen, die ihn in der Zeit vor der Fotoserie immer stärker umgetrieben hätten. Die Gedanken, die er sich dazu gemacht hat, waren Basis der Serie.

«Man sollte Bewertungen stets hinterfragen und wenn nötig verändern.»

Severin Ettlin, Fotograf

Die Bushaltestelle sei ein Ort, wo Menschen bewertet und schubladisiert würden. Früher habe er sich gerade dort oft fehl am Platz gefühlt, sagt Ettlin. Heute erfahre er die Problematik vor allem während seiner Tätigkeit als Psychiatriepflegefachmann. Ettlin erklärt: «Die Personen, die ich betreue, beschreiben oft solche Soziophobien. Das hat mich an eigene Erfahrungen erinnert und gibt mir Inspiration für meinen Beruf als Fotograf.»

Aber es ist nicht blosse Verurteilung der Wertungen – es soll ein Bewusstsein schaffen: «Ich selber bewerte andere ja auch, das ist mir bewusst. Jedoch sollte man diese Bewertungen stets hinterfragen und wenn nötig verändern.» Dass diese Einteilungen bei vielen Menschen eben starr verankert sind, zeigt Ettlin durch eine zusätzliche Figur in der Serie: einen Anzugträger mit strengem Blick. Er ist nämlich, im Gegensatz zu Laupper, scharf und unbewegt dargestellt. Sozusagen in seiner Wertung und seinem Denken «eingerastet».

Der Horwer Fotograf Severin Ettlin beim Treffen mit zentralplus.
Der Horwer Fotograf Severin Ettlin beim Treffen mit zentralplus. (Bild: pze)

Der Körper als Mittel zum Zweck

Bei Ettlins Projekten fällt eines auf: Seine Kunstfotografie ist geprägt von Körpern und deren Ästhetik. Sein Werk enthält viel Aktfotografie, aber auch Bilder von Tänzern oder Porträts. Der menschliche Körper sei aber nicht Kern seiner Arbeit. Für ihn stehe das Konzept von Licht und Schatten im Zentrum: «Ich gehe mit einem fotografischen Blick an ein Thema heran. Der menschliche Körper ist sozusagen ‹Mittel zum Zweck›, eine Wiedergabefläche der Lichtreflexionen.» So auch bei diesem Projekt: Ursprung waren die Bushaltestellen, die Umsetzung mit einer Person habe sich erst durch die Weiterentwicklung des Projekts ergeben.

«Viele Bushäuschen sind mit Plakaten zugekleistert. Solche Orte scheiden als Szenerie aus.»

Severin Ettlin, Fotograf

Die Problematik der richtigen Bushaltestelle

Die Schauplätze befinden sich alle im Raum Luzern. Er habe während einer Nacht alle Bushäuschen in der Umgebung mit dem Auto abgeklappert, sagt Ettlin. Auswahlkriterien habe es verschiedene gegeben: «Die Haltestelle durfte nicht zu belebt sein, damit wir unser Motiv herstellen konnten. Dabei half, dass wir in der Nacht fotografierten. Weiter brauchten wir genügend Umgebungslicht, sonst hätte man die Bewegungen des Modells nicht erkennen können.» Ein zusätzliches Problem sei Werbung, wie Ettlin erklärt: «Viele Bushäuschen sind mit Plakaten zugekleistert. Solche Orte scheiden als Szenerie aus.»

Das Modell zieht sich während der Belichtungszeit aus – so zeigt Ettlin den Prozess der Entblössung.
Das Model zieht sich während der Belichtungszeit aus – so zeigt Ettlin den Prozess der Entblössung. (Bild: Photografie Severin Ettlin)

Ausstellung ist keine geplant

Doch wo ist Ettlins Fotoserie zu sehen? Eine Ausstellung sei keine geplant. Ettlin erklärt: «Ich bin hin- und hergerissen. Ich wäge natürlich Kosten und Nutzen einer Ausstellung ab, denn gute Abzüge kosten viel Geld. Und will ich die Ausstellung umsetzen, brauche ich einen geeigneten Ort dafür.» Ettlin konnte seine Fotos bereits in der Meyer Kulturbeiz und im Neubad ausstellen. Für dieses Projekt ist Ettlin auf der Suche nach einem neuen Ausstellungsort: «Das war sehr schön, doch ich möchte nicht immer an denselben Orten meine Fotoserien zeigen.»

Die Fotoserie «EXPOSE» von Severin Ettlin.
Aus der Fotoserie «EXPOSE» von Severin Ettlin. (Bild: Photografie Severin Ettlin)

Inzwischen sei er in den Vorbereitungen für ein neues Projekt, wie Ettlin erklärt: «Es ist noch viel offen. Aber es geht um den Ausbruch der Zwänge der klassischen Musik.» Das Projekt entstehe in Zusammenarbeit mit einer befreundeten Künstlerin.

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