Die Theaterautorin Martina Clavadetscher hat einen ereignisreichen Frühling hinter sich. (Bild: Ingo Höhn)
Kultur Theater Literatur

Die Theaterautorin Martina Clavadetscher hat einen ereignisreichen Frühling hinter sich. (Bild: Ingo Höhn)

«Scheisse, ich hab gar keine Hobbys»

9min Lesezeit

Die ehemalige Hausautorin des Luzerner Theaters räumt gerade ganz schön ab. Daneben recherchiert Martina Clavadetscher über Wespen, schreibt über Bademeister und kauft mit Aliens in der Bäckerei ein. Das alles, während ihr Sohn in der Schule ist.

Martina Clavadetscher wartet schon auf dem Perron in Brunnen, als der Zug einfährt. Sie strahlt. Die Autorin ist hier aufgewachsen und lebt seit dem Studium in Fribourg mit und bei ihrer Familie in Brunnen. Man würde die 37-Jährige nicht gleich aufs Land stecken, spricht man mit ihr oder liest man ihre Stücke. Doch lassen wir die Klischees beiseite, sie werden uns sowieso gleich wieder einholen.

Martina Clavadetscher kennt man in Luzern vor allem durch ihre Hausautorenschaft am Luzerner Theater. Mit ihren Stücken hat sie auch schon internationale Preise gewonnen. Und bald wird in Luzern ein weiteres Stück aus ihrer Feder aufgeführt (siehe Box).

Ständig unterwegs, immer auf Achse

Clavadetscher hat eine Thermoskanne mit Tee mitgebracht. Wir setzen uns damit an den See. Nach wenigen Sekunden beginnt gleich hinter uns ein älterer Herr sein Alphorn auszupacken und zu spielen. Vor uns die Berge, das Wasser, ein paar kleine Segelschiffe und ein Dampfschiff sind unterwegs. Die Schweizer Fahne flattert im Wind. Fast kitschig. «Ja, hässlich ist es hier nicht», lacht Clavadetscher.

«Ich will nicht erklären, ich will erzählen.»

Im Sommer herrscht ganz schön Betrieb, viele Touristen sind unterwegs. Im Winter hingegen sei es sehr ruhig und trotzdem laufe kulturell so einiges. Man kennt sich, es ist ein guter Ort für Kinder und auch ein guter Ausgangspunkt für eine Autorin, die ständig unterwegs ist.

Denn bei Clavadetscher läuft es gerade rund. Diesen Frühling war sie bei den Autorentagen in Essen, wo sie auch gleich einen Preis gewann. Dazu kamen eine Nomination in Heidelberg und ein Auftrag für das Jubiläum des Theaters Neumarkt in Zürich. So viel Aufmerksamkeit sei sie nicht gewohnt. «Es ist aufregend und seltsam im Rampenlicht. Man wird ständig rausgerissen aus seinen Plänen, seinen Gedanken. Und manchmal ist es echt auch ein Affenzirkus», lacht sie. Das, was dabei ermüdend ist, das seien die Fragen zum Stück. «Ich will nicht erklären, ich will erzählen.»

Theater auf Papier statt auf die Bühne bringen

Das Schreiben habe schon immer ganz oben auf dem Wunschzettel gestanden. Aber auch Schauspielerin habe sie natürlich werden wollen – wegen dem ganzen Prestige. Und Tierärztin. Weswegen, das weiss sie nicht mehr.

Nach dem Studium in Fribourg hat Clavadetscher als freie Journalistin und Autorin gearbeitet und Deutsch an der Berufsschule in Zug unterrichtet. «Geschrieben habe ich immer.» Und damit hatte sie schon an der Uni einen Wettbewerb gewonnen.

«Ich werde wohl nie in Pension können oder wollen.»

Schliesslich verschlug es sie ans Theater. Am Luzerner Theater war sie als Dramaturgieassistenz angestellt. Doch als sie sich 2006 als Regieassistentin bewerben wollte, riet ihr der damalige Intendant Dominique Mentha davon ab. «Ich sei ein gescheites Haus und solle mich noch ausprobieren, sagte er zu mir. Sonst bliebe ich hier am Theater hängen», lacht Clavadetscher.

Shakespeare geht immer

Es folgten viele kleinere Arbeiten, szenische Lesungen, die Aufführungen erster Stücke. Und 2013, als Clavadetscher Hausautorin am Luzerner Theater wurde, ging es richtig los. «Seither kann ich nur noch als Autorin arbeiten. Es war wie ein Schupf von hinten». Als Hausautorin habe sie erst mal die Möglichkeit gehabt, sich ein Jahr lang auszuprobieren und versorgt zu sein. «Das Theater ist in dieser Zeit wie ein Elternhaus.»

Doch nicht nur im Theater ist Clavadetscher zu Hause. Sie schreibt auch Prosa und sitzt gerade an ihrem nächsten Buch. Dieses soll im März erscheinen und ihr Fokus ist deshalb komplett darauf gerichtet. «Ich habe mir sogar ein Leseverbot auferlegt. Ausser Nachrichten, Essays und den Geschichten für meinen Sohn lese ich gar nichts», betont sie. «Und Shakespeare», schiebt sie nach. «Shakespeare darf man immer lesen.»

«Ich habe ständig dieses Reissen, diese Sehnsucht nach dem Ausbrechen.»

Wenn im März dann das Buch abgeschlossen sei, dann werde sie sich wieder mal ein Buch gönnen. Wahrscheinlich das neue Theaterstück über Harry Potter, welches schon zu Hause bereitliegt. Aber die nächsten Aufträge fürs Theater sind auch schon im Köcher. «Früher habe ich knapp einen Monat weit geplant. Heute, mit all den Aufträgen, ist schon das ganze nächste Jahr ausgefüllt.»

Sprache und Recherche – zum Beispiel über Wespen

Sie sei ehrgeizig. «Aber vor allem für mich selbst. Ich will mich ausprobieren, mich im Schreiben entwickeln.» Jetzt erst, langsam, seit ungefähr zwei Jahren, habe sie das Gefühl, ihr Handwerk zu beherrschen. Nun könne sie das Werkzeug Sprache richtig nutzen – damit spielen, die Regeln brechen.

Aber nicht nur das Schreiben, auch die Recherche sei sehr wichtig, vor allem philosophische Diskussionen und Grundsatzthemen seien ihr Ding. Gerade beschäftigte sie sich eingehend mit Wespen. «Diese Tiere sind extrem spannend. Eigentlich haben die den Karton erfunden. Sie vermischen morsches Holz mit ihrem Speichel und tragen das dann für den Nestbau in Schichten auf», erzählt sie fasziniert.

Sie hoffe, ewig weiterschreiben zu können. «Ich werde wohl nie in Pension können oder wollen.» Clavadetscher ist ihr eigener Chef. Und dieser Chef gibt einen ganz klar gegliederten Tagesablauf vor. «Meine Arbeitsstunden sind genau definiert – nach dem Stundenplan meines Sohnes», lacht sie. Wenn ihr Sohn in der Schule ist, dann wird zu Hause geschrieben. Ist er am Mittag bei ihren Eltern, dann sitzt Clavadetscher auch diese Stunden am Schreibtisch.

Clavadetscher und der Bademeister

Demnächst, ab dem 13. September, kann man sich in Luzern ein Stück von Martina Clavadetscher anschauen. Die Produktion «Später.Früher.Meister» hat sie gemeinsam mit der befreundeten Regisseurin Sophie Stierle vom Theater Zell:stoff realisiert. Das Stück wurde explizit für die beiden Spielorte Kleintheater und Neubad Luzern geschrieben und entsteht als enge Kooperation mit den beiden Kulturhäusern.

«Je mehr ihr trinkt, umso mehr schwemmt es euch die Angelegenheiten an die Oberfläche. All die Sachen und Sächelchen, die besser da bleiben, wo sie die ganze Zeit waren. Hier. Spült sie wieder runter!» Der Stammtisch wettert, schweigt jedoch gekonnt über seine wahren Gesinnungen. Aber sie sind fein raus, denn sie haben einen Helden – ihren Meister, einen Bademeister, der vor Jahren einen ausländischen Jungen aus dem See gerettet hat. Doch der Meister will nicht mehr so recht Meister sein.

Es spielen: Patric Gehrig, Marie Gesien, Jürg Plüss, Julia Schmidt, Prisca Gaffuri

Das Alien beim Bäcker

«Manchmal, wenn ich den ganzen Tag nur geschrieben habe, ganz für mich alleine, kann es ziemlich seltsam werden, wenn ich dann zum Beispiel ein Brot kaufen gehe. Die anderen Menschen wirken dann wie Aliens auf mich. Oder ich fühle mich wie das Alien.»

Es gäbe keinen Tag, an welchem sie nicht schreibe, sagt Clavadetscher. «Es schafft ständig mit mir.» Das spürt man auch. Die schlanke Frau ist ständig in Bewegung, in ihr scheinen ständig Gedanken zu drehen. Schlagfertig und schnell kommen die Antworten.

«Besonders beim Reisen habe ich das Gefühl, die ganze Zeit die Schublädli in meinem Kopf zu befüllen», erzählt sie. Reisen, Weggehen sind Themen, die bei Clavadetscher immer wieder auftauchen. Auch wenn sie erst gerade von einer Reise zurückgekommen sei, fange es schon wieder an: «Ich habe gleich wieder dieses Reissen, diese Sehnsucht nach dem Ausbrechen.» Gerne würde sie für ein paar Monate mit der Familie verreisen. «Das Atelier in New York wäre toll», schwärmt Clavadetscher. Ihr Partner und Sohn könnten mitkommen – die Sommerferien würde man dafür etwas verlängern. Unterrichten könnte sie ihren Sohn in dieser Zeit zwar nicht selber, aber er würde bestimmt viel anderes lernen. «Er wird ganz bestimmt nicht kulturell verrohen bei uns.»

In Brunnen am See lässt es sich aushalten. (Bild: jav)
In Brunnen am See lässt es sich aushalten. (Bild: jav)

Feuer als Hobby

Der Alphornbläser hinter uns lässt ein paar Buben testblasen. Sie sind nicht schlecht. Bestimmt spielen sie ein Instrument. «Ich nicht», betont Clavadetscher und schaut dabei ganz ernsthaft. Und wie ist es sonst bei ihr so mit den Hobbys? Letztens sei sie das schon gefragt worden und da habe sie laut überlegt: Theater, Lesen, Kino. Nun, eigentlich sei das alles ja irgendwie Arbeit. «Scheisse, ich hab gar keine Hobbys», ruft sie gespielt dramatisch aus.

Es seien halt diese Hobbys, welche man als Kind bei Erwachsenen seltsam findet: Lesen, Reisen, Theater. Doch sie koche auch sehr gerne. «Wenn ich nicht muss.» Und im Wald ein Feuer machen. Damit könne sie sich den ganzen Tag beschäftigen, sagt sie begeistert und man glaubt ihr sofort. «Das muss wohl eine Form von Urinstinkt sein», lacht sie.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur