Das riesige Panoramabild ist nun auch virtuell erlebbar – und kommt so noch viel näher an die Besucher heran. (Bild: AURA)
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Das riesige Panoramabild ist nun auch virtuell erlebbar – und kommt so noch viel näher an die Besucher heran. (Bild: AURA)

Neue App fürs «Bourbaki-Panorama»

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Das Bourbaki-Panorama Luzern kämpfte mit Besucherschwund. Dem setzt es nun etwas Neues entgegen – eine App. Das Museum betrieb dafür enormen Aufwand und betritt absolutes Neuland. Und die Verantwortlichen zeigen auch den Bezug zur aktuellen Flüchtlingssituation auf.

Die Freude des ganzen Teams ist spürbar. Vier Jahre nach der ersten Projektidee steht die App «My Bourbaki Panorama» und darf nun endlich der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die App macht das riesige Panorama, das 10 Meter auf 112 Meter gross ist, auch virtuell erlebbar.

Seit einigen Jahren leidet das Museum an Besucherschwund. Deshalb musste etwas Neues her. Die Idee einer neuen Form von Vermittlung, einer «Jugendoffensive» kam auf. «Kein sexy Wort, ich weiss», lacht Stiftungsrat Andreas Häner. Aber das, was entstanden sei, dafür umso mehr. «Nun können wir das Bild und seine Botschaft in die Technik des 21. Jahrhunderts übertragen und damit neu erlebbar machen», so Häner über die Bildungs-App, die aber nicht nur für Schüler Neues bereithält.

«Heute sind wir Schweizer leider nicht mehr so hilfsbereit und offen.»
Alana, 13-jährige Schülerin Kanti Alpenquai

Denn es wurde nicht einfach nur eine App programmiert. Das Projekt mit einem Budget von rund 170'000 Franken beinhaltete eine umfassende Recherche. Es handelt sich bei dem Projekt auch um hunderte Stunden Archivarbeit. Peter Gautschi und sein Team von Historikern haben sich tief in die Geschichte vergraben, um Informationen über die Personen in dem riesigen Gemälde zu finden und diese Lebensgeschichten den Besuchern zugänglich zu machen. «Und wir haben noch viel mehr gefunden, als wir uns erhofft hatten», so Gautschi.

Gefällt optisch und inhaltlich

Alana und Nadja hat es die App angetan. Die beiden 13-jährigen Schülerinnen finden besonders das Design sehr schön (siehe Video). Dieses vermischt das historische Alte mit einer modernen Schlichtheit, ohne sich anzubiedern. Aber nicht nur die Optik passt.

«Es ist spannend, dass man so viel entdecken kann. Und das es um echte Menschen geht, die damals dort waren. Ohne die App wäre ich vielleicht fünf Minuten hier geblieben», sagt Nadja.

Die App ist ab sofort verfügbar – jedoch nur im Haus selbst. Beziehungsweise ein Teil als Vorgeschmack bereits zuhause. Doch nur vor Ort ist es möglich, eine eigene Bourbaki-Panorama-Story zusammenzustellen. Dazu gehört Fotografieren, eigene Texte hinzuzufügen, Menschen auszuwählen und diese kennenzulernen. Die Schülerversion gibt es bereits – die abgespeckte Variante für Besucher ist ab dem neuen Jahr verfügbar.

Gerade für die jungen Museumsbesucher ist der interaktive Rundgang mit Tablet und App gleich viel attraktiver. (Bild: Natalie Boo/AURA)

Gerade für die jungen Museumsbesucher ist der interaktive Rundgang mit Tablet und App gleich viel attraktiver. (Bild: Natalie Boo/AURA)

Alana beschäftigt im Zusammenhang mit dem Bild und seiner Geschichte auch die aktuelle Flüchtlingssituation in Europa. «Heute sind wir Schweizer leider nicht mehr so hilfsbereit und offen», bedauert sie.

Ein Statement in unserer Zeit

Genau diese inhaltliche Auseinandersetzung sei das Ziel, freut sich Geschichtsdidaktiker Gautschi. Es gehe darum, Vorbilder zu präsentieren, erkärt auch Stiftungsrat Häner. «Eine Identitätssuche in unserer schnellen Zeit und unserer zerrissenen Schweiz ist für junge Menschen schwierig. Und nicht nur für sie. Rechts, links, Land, Stadt, überall tun sich Gräben auf.» Das Bourbaki-Panorama zeige eine andere Schweiz. Eine geeinte Schweiz. «Man stand zusammen, solidarisch und humanitär», so Gautschi. Eine politische Positionierung des Museums?

«Das Bild ist ein politisches Statement.»
Peter Gautschi, Mitglied Projektteam

Dem könne man gar nicht entkommen, so Gautschi: «Das Bild ist bereits ein politisches Statement.» Das Bild wolle Solidarität und Humanität vermitteln. Und in seinen Ausführungen nennt er es beim Namen: «Die Schweiz, auf die ich stolz bin, ist die von 1871 in Les Verrières.» Nicht umsonst sei mit dem Bild auch der erste grosse Einsatz des Roten Kreuzes dokumentiert.

Bourbaki

Das Bourbaki-Panorama ist ein europäisches Kulturdenkmal. Es zeugt als eines der wenigen noch weltweit erhaltenen Riesenrundgemälde von der Mediengeschichte des 19. Jahrhunderts. Das Gemälde ist eine Anklage des Krieges und ein Zeugnis der ersten humanitären Aktionen des Roten Kreuzes.

Der Maler des Bildes heisst Edouard Castres. Das Panorama ist 112 Meter lang und 10 Meter hoch. Es zeigt die 87'000 Mann starke französische Ostarmee, wie sie 1871 –  am Ende des Deutsch-Französischen Krieges – bei Les Verrières über die Grenze tritt, entwaffnet und von der Zivilbevölkerung umsorgt wird.

Andreas Häner erklärt: «Als wir vor vier Jahren mit der Planung begannen, war es nicht vorstellbar, in welcher Situation zehntausende von Flüchtlinge an den Grenzen Europas sein würden.» Das Bild von Edouard Castres sei so aktuell wie schon lange nicht mehr.

Menschen interessieren sich für Menschen

Der Mensch könne immer aus der Geschichte lernen, ist Häner überzeugt. «Aber dazu muss man erst einmal die Verbindung herstellen können und die Geschichte erlebbar machen.»

Das macht die App durch einen persönliche Bezug, den man zu Personen im Bild findet – indem man diese zum Leben erweckt. «Menschen interessieren sich für Menschen in der Geschichte, nicht einfach für die Geschichte», erklärt Gautschi. Deshalb müsse bei der Vermittlung von Geschichte der Mensch im Zentrum stehen.

23 Menschenleben sind nun in der App dokumentiert, die 1871 bei Les Verrières dabei waren. Einige davon, wie der Maler Edouard Castres selbst, waren bereits bekannt, aber es sind zahlreiche neue dazugekommen. Und die Geschichten der Personen, die damals dabei waren – hat man den gemalten Figuren zuordnen können.

 

Der Maler des Panoramabildes, Edouard Castres, der 1871 selbst als Helfer für das Rote Kreuz vor Ort war, wurde auserkoren, die Schüler virtuell durch das Panorama zu führen. «Er ist Gastgeber, aber auch Lehrer», erklärt der Entwickler Patrick Müller. Und auch auf Facebook wird Edouard Castres aktiv werden. Ab dem 4. November kann man auf seinem Profil auch weitere Informationen über die Menschen aus dem Gemälde und die aktuelle Situation finden.

«In der Besucherversion wird Castres den Besucher weniger bevormunden», sagt Häner mit einem Lachen. In der Version für Schüler sei er natürlich etwas strenger. Es sei schliesslich sowas wie Geschichts-, oder auch Ethikunterricht.

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