Der Philosoph Yves Bossart absolvierte sein Studium unter anderem an der Universität Luzern. Heute moderiert er die «Sternstunde Philosophie». (Bild: pbu)
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Der Philosoph Yves Bossart absolvierte sein Studium unter anderem an der Universität Luzern. Heute moderiert er die «Sternstunde Philosophie». (Bild: pbu)

Luzerner Doktor missioniert als Pop-Philosoph

10min Lesezeit

Der Luzerner Yves Bossart ist auf einer Mission: Er möchte die breite Öffentlichkeit für die Philosophie begeistern. Mit viel Elan und Einfallsreichtum holt er die grossen Fragen des Lebens aus dem Elfenbeinturm und trägt sie mitten in den Alltag – inzwischen ohne Joint, dafür vom TV-Studio aus.

Es sind die grossen Fragen, die ihn umtreiben. Was ist der Sinn des Lebens? Was ist wirklich? Und was soll das Ganze überhaupt? Der gebürtige Luzerner Yves Bossart, Doktor der Philosophie, brütet aber nicht einsam und verlassen in einem dunklen Kämmerlein über die letzten Wahrheiten vor sich hin, sondern trägt diese in die Welt hinaus – und fordert alle Wissbegierigen zum philosophischen Schlagabtausch. «Mein Ziel ist es, die Leute für Philosophie zu begeistern», sagt er.

Seit Anfang Jahr tut er dies über den TV-Bildschirm. Bossart ist nämlich das neuste Mitglied im Moderationsteam der «Sternstunde Philosophie», die jeweils am Sonntag um 11 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt wird. Nachdem er seit 2013 bereits als Redaktor und Produzent für die Sendung tätig ist, wagt er nun also den Schritt vor die Kamera und empfängt im Wechsel mit Kollegin Barbara Bleisch alle zwei Wochen einen Gesprächspartner.

Raus aus dem Elfenbeinturm

«Ich habe mir die Entscheidung lange und gut überlegt», sagt Bossart rückblickend. «Wahrscheinlich braucht es einige Sendungen, um ganz in der neuen Rolle anzukommen.» Bisher habe er den Schritt jedenfalls nicht bereut. «Es gibt noch viel zu lernen, aber ich glaube, ich schlage mich ganz gut.» Schaut man sich Bossarts erste Sendungen an, bestätigt sich dies: Der Luzerner erweckt den Eindruck, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Sein Anliegen sei es, komplexe philosophische Gedanken einem breiten Publikum auf anschauliche und verständliche Art und Weise rüberzubringen, um so Begeisterung für das Fach zu wecken. Metaphorisch gesprochen: Bossart verlässt den Elfenbeinturm mit einem Rucksack voll akademisch-philosophischem Fachwissen und verteilt dieses in mundgerechten Stücken unter die Leute.

Yves Bossart an seinem Arbeitsplatz.
Yves Bossart an seinem Arbeitsplatz. (Bild: SRF / Oscar Alessio)

Der «Bürgerphilosoph» als Vorbild

«Mein primäres Interesse ist die Vermittlung», betont er. Damit erinnert Bossart unweigerlich an den deutschen «Bürgerphilosophen» (Die Zeit) Richard David Precht, der mit seinen populärphilosophischen Schriften und unzähligen TV-Auftritten ebenfalls auf die breite Öffentlichkeit zielt. Bossart, der Schweizer Precht?

«Richard David Precht ist wie ein Schuhlöffel.»

«Ich bin weniger belesen und bescheidener als Precht», wendet der 33-jährige Luzerner mit einem Lachen ein. «Ich schätze, was er macht. Er hat ein unglaubliches Talent zum packenden Erzählen. In dieser Hinsicht sehe ich ihn als Vorbild.» Stellenweise wage sich der deutsche Kollege allerdings zu weit aus dem Fenster. Seine Argumente seien nicht immer wasserdicht, dafür dürfe man ihn kritisieren, so der «Sternstunde»-Moderator. Ausserdem nehme seine Redezeit in den eigenen Sendungen manchmal zu viel Platz ein.

Besuche an den Rändern der Gesellschaft

Yves Bossart studierte Philosophie, Musikwissenschaften und Geschichte an den Universitäten Luzern, Zürich und Heidelberg. Anschliessend promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit dem 8. Januar 2017 steht er für die «Sternstunde Philosophie» vor der Kamera. Bossart lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Zürich.

2014 veröffentlichte Bossart das Buch «Ohne Heute gäbe es morgen kein Gestern». Sein nächstes Buchprojekt, in dem er sich mit der Philosophie am Rand der Gesellschaft beschäftigt, habe er momentan zwar aus Zeitgründen auf Eis gelegt. Ganz in der Versenkung verschwunden sei es aber nicht, betont der Philosoph. Die Idee dahinter – philosophische Gespräche im Gefängnis, im Bordell oder im Altersheim zu führen – werde früher oder später definitiv umgesetzt, versichert er.

Andererseits, und das sei Precht hoch anzurechnen, vermöge er es wie kaum ein Zweiter, Menschen für die Philosophie zu begeistern, die ansonsten nichts damit am Hut hätten. «Precht ist wie ein Schuhlöffel», meint Bossart. «Er verleiht der Philosophie Breitenwirksamkeit, weckt das Interesse der Leute am Fach und gibt ihnen damit einen sanften Stoss in die Welt der grossen Fragen. Das ist begrüssenswert.»

Sitzleder und Philosophie im Comic

Dass Bossart einen ähnlichen Weg einschlagen werde, habe sich bereits während dem Schreiben seiner Dissertation – zur Ästhetik nach Wittgenstein – angekündigt. «Ich sass praktisch dreieinhalb Jahre lang in der Bibliothek und habe gelesen und geschrieben. Bei aller Liebe zur Philosophie: Mit dieser Monotonie bekundete ich immer grössere Mühe», konstatiert er.

Durchgezogen hat er es trotzdem. Es war jedoch klar, dass eine universitäre Karriere nichts für ihn ist. «Das würde mich nicht glücklich machen. Meine Stärken und Vorlieben liegen darin, schwierige Sachverhalte verständlich zu machen und zu vermitteln.» Das bot zwei berufliche Möglichkeiten: Journalist oder Lehrer. Angeboten bekam er beides.

Zeitgleich unterrichtete Bossart an der Kantonsschule Willisau Philosophie und arbeitete als Redaktor bei der «Sternstunde Philosophie». Dazwischen veröffentlichte er sein philosophisches Einführungsbuch «Ohne Heute gäbe es morgen kein Gestern», in dem er die Leserschaft mittels anschaulicher Gedankenexperimente für sein Fach zu begeistern versucht. Einige dieser unterhaltsamen Gedankenspielereien flossen in die Animationsfilmreihe «Filosofix» ein, an der Bossart massgeblich beteiligt war und die auch in seinem Unterricht Verwendung fand.

Was ist zu tun? Ein Gedankenexperiment aus der Animationsfilmreihe «Filosofix»:

 

Die Philosophie, dein täglich Brot

«Als Lehrer versuchte ich stets, die Schüler für meine Leidenschaft zu begeistern und ihren Geist zu schärfen. Sie sollten lernen zu argumentieren, eigenständig zu denken und Meinungen zu hinterfragen», so der 33-Jährige. Sein Fokus lag auf dem Disput. Er setzte weniger auf Textarbeit. Alle Schüler vermochte er zwar nicht abzuholen, aber die Mehrheit konnte er neugierig machen, resümiert er.

«Stets tauchen neue ethische Probleme auf, etwa in der Fortpflanzungsmedizin. Philosophen können hier wichtige Denkanstösse geben.»

Früh habe Bossart gemerkt, dass er bei seiner Schülerschaft vor allem mit praktischen Fragen und aktuellen Themen punktet: «Sterbehilfe, Glück, Abtreibung, Konsum, Schönheitsoperationen, Digitalisierung, aber auch Selbstfindung und der Umgang mit Leistungsdruck und Stress sind Themen, mit denen ich auf Resonanz gestossen bin.» Philosophie als Teil des Alltags.

Numerus Clausus ist «Schwachsinn»

Philosophie habe immer ihre Daseinsberechtigung, ist Bossart überzeugt. Gerade heute, in einer Zeit, die von technischem Fortschritt und politischen Unsicherheiten geprägt ist, zeige sich die Wichtigkeit philosophischen Denkens. «Stets tauchen neue ethische Probleme auf, etwa im Bereich der Fortpflanzungsmedizin», nennt Bossart ein Beispiel. «Philosophen sind im genauen Denken geschult und können hier wichtige Denkanstösse geben.» Das gelte auch für Utopien und Gesellschaftskritik.

Deshalb hält der Luzerner gar nichts von der Einführung eines Numerus Clausus für «Selbstverwirklichungsfächer», wie bestimmte politische Kreise die Geisteswissenschaften abschätzig nennen, um ihrem Ruf nach mehr wirtschaftskompatiblen Naturwissenschaftlern eine zusätzliche Klangfarbe zu geben. «Das ist Schwachsinn», meint Bossart schlicht. «Die Philosophie sorgt letztlich auch für den Dialog zwischen Disziplinen und Fächern. Sie bringt den Biologen mit dem Soziologen ins Gespräch und hilft dabei, die fachspezifischen Spezialisierungen im Überblick halten zu können.»

Der Wahlzürcher Yves Bossart vor dem KKL. Der 33-Jährige ist im Würzenbachquartier in Luzern aufgewachsen.
Der Wahlzürcher Yves Bossart vor dem KKL. Der 33-Jährige ist im Würzenbachquartier in Luzern aufgewachsen. (Bild: pbu)

Mit dem Joint auf der Suche nach Antworten

Sein Engagement an der Kantonsschule kommt indes nicht von ungefähr. Bossart entdeckte seine Leidenschaft für die Philosophie nämlich seinerzeit an der Kantonsschule Alpenquai. Ursprünglich wollte er Arzt werden und interessierte sich vor allem für Naturwissenschaften. Bücher waren nicht sein Ding, er wählte Biologie und Chemie als Schwerpunktfächer. «Dann kamen die Philosophie-Stunden mit einem sympathischen Lehrer, mit dem ich heute noch befreundet bin. Ihm verdanke ich einen grossen Teil meiner Faszination für das Fach.»

«Unzählige Abende habe ich mit Freunden diskutiert und hie und da einen Joint geraucht. So hat es angefangen.»

Bossart habe die Klarheit der Mathematik in der Philosophie wiedergefunden. Gleichzeitig ging es um die entscheidenden Fragen des Lebens. «Die ewigen Fragen haben mich gereizt. Was ist Realität? Wie soll ich leben? Unzählige Abende habe ich mit Freunden darüber diskutiert und hie und da einen Joint dabei geraucht. So hat es angefangen», sagt er und schmunzelt.

Arena frei für die «Pop-Philosophen»

Nach vier Jahren hat Bossart seine Tätigkeit als Kanti-Lehrer in Willisau auf Ende Januar 2017 beendet. Er möchte sich ganz der «Sternstunde Philosophie» widmen. Hier wolle er das Kerngeschäft der Philosophie, das Fragen-Stellen, kultivieren und die TV-Zuschauer für seine Leidenschaft gewinnen. Es reize ihn, die Sendung noch stärker selber gestalten und seinen Gästen im Dialog begegnen zu können.

Mit 33 Jahren ist der Neo-Moderator vergleichsweise jung. Das verspricht frische Impulse auf einem Gebiet, das man in der Regel mit graubärtigen alten Männern in Verbindung bringt. Wobei, bereits im März sitzt ihm ein zumeist glatt rasierter Kollege gegenüber: Richard David Precht. Der deutsche «Pop-Philosoph» und sein Schweizer Pendant? Wie war das noch mal mit der Redezeit?

Soll man spenden? Die Animationsfilmreihe «Filosofix» regt dazu an, über moralische Grundsätze nachzudenken:

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