Nach der Gewalttat vom Donnerstag gehen die Wogen auf Facebook hoch. (Bild: Montage zentralplus)
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Nach der Gewalttat vom Donnerstag gehen die Wogen auf Facebook hoch. (Bild: Montage zentralplus)

Folter-Forderungen in Zuger Facebook-Gruppe. Was passiert da bloss?

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Die Zuger Gewalttat vom Donnerstag hat auf einem Facebook-Forum eine grosse Debatte entfacht. Der Grundtenor: Man ist besorgt und hat Angst. Doch nicht nur das. Bei einigen Usern wächst die Wut auf die Täter, auf die Polizei, sie fordern Selbstjustiz und eine Bürgerwehr. Ist dieser Aufstand berechtigt? Was geschieht da eigentlich?

In Zug passiert etwas. Ein Mann wird von zwei Männern überfallen und mit einem Messer am Gesicht und an den Armen verletzt. Die Täter sind flüchtig (zentralplus berichtete). Dass die Zuger bestürzt reagieren, liegt nahe. Denn man wohnt in einem beschaulichen Städtchen. Die Chancen, dass man das Opfer kennt, sind gross. Das ist beklemmend. Beklemmend ist jedoch auch die Art, wie Social-Media-User auf die Meldung reagieren.

Brauchen wir alle ein Pfefferspray?

Etwa in der Facebook-Community «Zuger helfen Zugern». Angefangen mit einem sehr persönlichen Eintrag eines angeblichen Zeugen, welcher erklärt, das Opfer verletzt angetroffen zu haben. Der User erklärt, er wolle die Bevölkerung warnen und man solle doch Pfefferspray bei sich tragen. Die Antworten, die darauf folgen, zeugen zu einem Grossteil von Angst und Verunsicherung.

«Oh neeein. Wie krass ist das denn? Müsste man fast Angst haben», postet eine Userin etwa. Doch nicht nur Angst, sondern auch Wut macht sich breit. «Solche Sachen machen mich stinksauer. Dass man nicht mal mehr am frühen Abend raus kann, ohne Angst haben zu müssen. Wo sind wir denn mittlerweile? Ich kann das nicht verstehen.» Dieselbe Userin fordert nichts Geringeres, als dass man «diese Leute» foltert.

Ein weiterer Nutzer postet ein Bild eines vermummten Totenschädels mit zwei Waffen und einem Schriftzug: «Ich werde meine FAMILIE immer beschützen!! Scheissegal, wie!!» – Neun Personen schenken ihm dafür ein Like.

Waffen-Emojis sprechen für sich

Eine Mutter antwortet: «Ich auch ... und wie.» Daneben hat sie fünfmal dasselbe Pistolen-Emoji platziert. Sie gehöre mittlerweile zu jenen, die vor Selbstjustiz nicht mehr zurückschrecken. Ein weiteres Gruppenmitglied wundert sich, ob man nun, da die Zivilcourage «aus begründeter Angst» immer mehr abnehme, tatsächlich anfangen müsse, Bürgerwehren zu gründen. Das sei «bestimmt die einzige Lösung». Nur eine Nutzerin lehnt sich gegen die «Panikmache» auf, ihre Voten gehen jedoch in der Diskussion ziemlich unter.

Knapp einen Tag nach der Gewalttat haben wir auf der einen Seite einen Verletzten, der von zwei Männern angegriffen wurde. Auf der anderen Seite haben wir eine aufgebrachte Meute, die sich gegenseitig in ihrer Angst beflügelt und nach Selbstjustiz, Waffen und Bürgerwehren schreit und zur Gewalt aufruft. Mittlerweile haben die Administratorinnen der Facebook-Gruppe «Zuger helfen Zugern» den Beitrag gelöscht. Dies, da er eine ungewollte Tendenz eingeschlagen habe, obwohl die Gruppe eigentlich für Nächstenhilfe stehen solle.

 

 

«Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen.»

Judith Aklin, Zuger Polizeisprecherin

Dennoch scheint eine reale Angst bei Teilen der Bevölkerung zu existieren. Was sagt die Zuger Polizei dazu? «Grundsätzlich muss ich zuerst sagen, dass es natürlich unschön ist, was passiert ist», erklärt Judith Aklin, Zuger Polizeisprecherin. «Doch die Polizei war schnell vor Ort, wir haben die ganze Nacht nach der Täterschaft gefahndet. Wichtig ist insbesondere der Zeugenaufruf, den wir gemacht haben. Denn wie wir wissen, waren während des Vorfalls einige Passanten in der Nähe, die Aussagen machen könnten.» Dennoch, so betont Aklin: «Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen. Solche Fälle sind sehr selten.»

Die Polizeisprecherin erklärt zudem, dass es bei derartigen Fällen, wo es um Leib und Leben gehe, eine sehr hohe Aufklärungsziffer von 93 Prozent habe. «Man kann sich in Zug nach wie vor sicher fühlen.»

Emotionen raus, Fakten rein

Dass man Selbstjustiz verüben und Bürgerwehren gründen will, scheint nicht sehr zielführend zu sein. Sind solche äusserst emotionalen Diskussionen schädlich? «Ich möchte das nicht werten», erklärt Aklin. «Natürlich ist ein solcher Fall mit Emotionen verbunden. Das löst Emotionen aus und das ist zu einem gewissen Grad normal. Dennoch rate ich, dass man versuchen sollte, die Emotionen aussen vor zu lassen und bei den Fakten zu bleiben.» Man habe in der Schweiz ein recht gut funktionierendes Rechtssystem.

Was besagt denn da die Statistik? Haben solche Gewaltdelikte in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen, wie es verschiedene Facebook-Voten suggerieren? Ein Blick in die Statistik zeigt auf, dass eher das Gegenteil der Fall ist.

Wurden 2011 in Zug noch 432 Delikte gegen Leib und Leben registriert, waren es es 2013 «nur» noch 344. 2015 lag die Zahl bei 308 Fällen. Solche Gewaltdelikte bilden nur einen Bruchteil der gesamten Anzahl Delikte, welche in den letzten fünf Jahren jährlich zwischen 6760 und 5376 Fällen lagen. «Was man bei Delikten gegen Leib und Leben ausserdem sagen muss, ist, dass eine grosse Zahl davon im Rahmen der häuslichen Gewalt stattgefunden hat und entsprechend registriert wurde», so Aklin.

Einblicke in die Kriminalstatistik 2015 des Kantons Zug. Die von 2016 kommt erst im März dieses Jahres.
Einblicke in die Kriminalstatistik 2015 des Kantons Zug. Die von 2016 kommt erst im März dieses Jahres. (Bild: Screenshot Kriminalstatistik 2015 Zug)

Grosse Waffendichte in Zug – ein Zeichen der Verunsicherung?

Die Online-Reaktionen auf die Gewalttat vom Donnerstag überraschen nicht. Mittlerweile ist sich der Facebook-User heftige Diskussionen über Sicherheit und Ängste gewohnt.

Und sollte auch Social Media kein sicherer Wert sein für den Gemütsstand der Zuger, so weist doch die Zunahme an Waffen, die der Kanton in den letzten Jahren aufzeigte, ein kongruentes Bild auf. Rund 17'000 Waffen sind im Kanton Zug registriert, dazu kommt wohl eine unbekannte Zahl nicht registrierter Waffen (zentralplus berichtete). Im Jahr 2015 gab es 32 Prozent mehr Waffenbescheinigungen als noch im Jahr davor. Der Kanton Zug liegt damit schweizweit an dritter Stelle.

Matthias Hofer ist Kommunikationswissenschaftler und arbeitet in der Abteilung «Media Psychology & Effects» der Universität Zürich. Wie schätzt er die Rolle der sozialen Medien bei der Meinungsbildung und beim Verhalten ein?

«Tatsächlich ist es bei den Sozialen Medien nicht unproblematisch, dass man seiner Meinung freien Lauf lassen kann, ganz ungefiltert.»

Matthias Hofer, Medienpsychologe

«Tatsächlich ist es bei den Sozialen Medien nicht unproblematisch, dass man seiner Meinung freien Lauf lassen kann, ganz ungefiltert. Die Leute sind sich oft nicht darüber im Klaren, wie viel sie dabei von sich preisgeben.» Im geschilderten Fall schaukle sich die Situation deshalb hoch, weil es sich um ein emotionales Thema handle, das die Leute bewege. «Da kommentiert etwa eine Mutter, die um ihre Kinder besorgt ist, was wiederum andere Eltern dazu animiert, selbst etwas zu schreiben. Und je mehr besorgte Posts es gibt, desto stärker wird dieses ängstliche Grundgefühl in der Debatte», erklärt Hofer.

Und kaufen sich deswegen mehr Leute ein Pfefferspray oder gar eine Waffe? «Ich glaube schon, dass soziale Medien verstärkende Effekte haben können. Insbesondere auch deshalb, weil man sich zum Beispiel auf Facebook häufig in denselben Kreisen bewegt, und diese die eigene Meinung tendenziell noch verstärken. Zwischen einem Gefühl der Bedrohung und dem konkreten Handeln, etwa dem Kauf eines Pfeffersprays, liegt allerdings ein weiter Weg.»

«Ob man heute wirklich mehr Angst hat als noch vor einigen Jahren, ist schwierig zu beurteilen.»

Matthias Hofer, Medienpsychologe

Sind die Leute denn heute ängstlicher als noch vor einigen Jahren? Hofer antwortet: «Generell ist es schwierig, solche Trends auszumachen. Social Media kann Einstellungen schon verstärken. Doch ob man heute wirklich mehr Angst hat als noch vor einigen Jahren, ist schwierig zu beurteilen.» Und der Medienpsychologe verweist gleich auf ein älteres Beispiel: «Bereits in den 70ern hatte man das Gefühl, dass Menschen, die mehr fernsehen, mehr Angst haben, weil sie durch das Fernsehen häufig mit den negativen Begebenheiten in der Welt konfrontiert werden.»

Bildung gegen die Angst?

Dass sich Internetnutzer in eine Angst hineinsteigern können, stuft Hofer als problematisch ein. Doch was lässt sich dagegen tun? «Man müsste die Leute stärker sensibilisieren. Schon heute ist Medienunterricht ein Teil der Ausbildung bei Jugendlichen. Man müsste das jedoch noch viel intensiver machen. Es ist meines Erachtens die Aufgabe der Schulen, die Jugendlichen auf die Konsequenzen ihres Online-Handelns aufmerksam zu machen. Ein solcher Medienunterricht soll sie schliesslich dazu  bringen, nachzudenken, bevor sie moralisch oder gar rechtlich problematische Inhalte auf einer Internetplattform teilen.»

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