Der Eritreer Musie hat die Überfahrt übers Mittelmeer im Sommer 2014 überlebt.
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Der Eritreer Musie hat die Überfahrt übers Mittelmeer im Sommer 2014 überlebt.

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Momentan ist es ruhig im Luzerner Asylwesen, die Zentren sind unterbelegt. Doch die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer lässt erahnen, dass der Zustand sich rasch ändern kann und wird. Ein Besuch im Asylzentrum Hirschpark, mitten in Luzern.

Musie ist einer der Flüchtlinge, die es geschafft haben – nicht wie viele andere, die in Libyen ins überfüllte Boot stiegen und nie in Italien ankamen. Die Flucht des 23-jährigen Eritreers begann 2014, als er beschloss, sein diktatorisch regiertes Heimatland endgültig zu verlassen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Er zahlte Schleppern Geld, durchquerte den Sudan, die Sahara, bis er in Libyen landete – drei Monate sass er im Gefängnis mit anderen Migranten. Im Sommer 2014 dann die Überfahrt von Libyen nach Italien: «Wir waren 24 Stunden in einem Boot mit 346 Menschen. Es war überfüllt und sehr gefährlich.» Dieses Boot kam an. Andere liegen auf dem Meeresgrund. Über Chiasso kam Musie in die Schweiz.

«Wenn eine Person hier faul ist, ist das Leben hart. Wenn sie hart arbeitet, ist das Leben einfacher.»

Musie, Flüchtling aus Eritrea


Er darf bleiben

Der Eritreer ist glücklich, dass sein Asylgesuch in der Schweiz geprüft wird. Er wird nicht nach Italien zurückgeschickt wie andere, die einen Dublin-Nichteintretensentscheid haben. «Sweet-zerland» habe er die Schweiz immer genannt, weil sie ihm so «sweet» erschienen sei, sagt der Flüchtling. Luzern und das Löwendenkmal gefallen ihm besonders. Musie spricht bereits recht gut Deutsch nach fünf Monaten. Im Deutschunterricht beteiligt sich der junge Eritreer aktiv. «Wenn du etwas willst, erreichst du es auch. Mit der Sprache hat man bessere Chancen im Arbeitsleben in Europa», sagt er und lächelt.

Im Hirschpark leben viele Kinder.

Im Hirschpark leben viele Kinder.

Das Leben im Paradies

Der Flüchtling hat eine Tante, die schon länger in St. Gallen lebt. Sie habe ihm schon früh etwas beigebracht über das Leben im «besten Land Europas». «Wenn eine Person hier faul ist, ist das Leben hart. Wenn sie hart arbeitet, ist das Leben einfacher.» Und Musie will arbeiten. Er habe in Eritrea Theologie studiert und spreche neben Englisch (und immer besser Deutsch) drei Sprachen seines Landes. Sein Traum sei ein Beruf, der mit Psychologie zu tun hat. Doch eine Arbeit als Mechaniker erscheint ihm realistisch zum Start. Und er wolle vermehrt mit Schweizern und Europäern Kontakte knüpfen. «Eine Freundin zu finden, wäre auch schön. Aber nicht unbedingt eine Frau aus meinem Land», sagt er.

Im Schnellzugstempo rein und wieder raus

Der junge Eritreer hat wieder eine Zukunft vor sich. Einige Asylsuchende kommen gar nie richtig an in unserem Land. Sie sehen von der Schweiz nur die lagerähnlichen Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ), leben dort, abgeschirmt, einige Wochen bis Monate. Einige werden im so genannten Schnellverfahren wieder in dasjenige europäische Land zurückgeschickt, wo sie ankamen. Oder sie müssen direkt in ihr Heimatland zurück. «Die Schweiz hat das Image, das Dublin-Abkommen konsequent umzusetzen», erklärt Babtiste Aubert, Betreuer und stellvertretender Hirschpark-Zentrumsleiter.

Sie kocht ein Frühstück für sich und ihre kleinen Kinder.

Sie kocht ein Frühstück für sich und ihre kleinen Kinder.

Durchschnittlich 1'500 Asylsuchende im Kanton Luzern

4,9 Prozent der gesamtschweizerischen Asylsuchenden würden dem Kanton Luzern zugewiesen. Dies sind rund 1'500 Personen jährlich. Doch auch wenn man in einem kantonalen Zentrum lebt, heisst das nicht, dass man definitiv bleiben kann. Aubert bedauert, dass die Bevölkerung, «auch der eigene Bekanntenkreis», so wenig über das Asylwesen wisse.

Es sei denn, es passiere etwas in einem Zentrum. Doch der Alltag in einem Asylzentrum ist oft recht unspektakulär und «normal», wie sich bei unserem Besuch herausstellt. Im März gab es kaum Zuweisungen von den Empfangs- und Verfahrenszentren an den Kanton Luzern. Dies kann sich vom einen zum anderen Monat ändern. Grund dafür sind die Anzahl Asylgesuche und die schwankenden Zahlen der Zuweisungen in die Kantone. Der Kanton Luzern rechnet mit einer hohen Zuweisung für die nächsten Monate.

Ankommen und zur Ruhe kommen

Fakten zum Asylzentrum Hirschpark

Das kantonale Asylzentrum Hirschpark in einem ehemaligen Alters- und Pflegeheim liegt unweit des Luzerner Kantonsspitals. Es wurde im Mai 2014 eröffnet. Seither sind gemäss der Leitung zirka 450 Personen neu ins Zentrum gekommen; es gab auch einige Geburten. Durchschnittlich verzeichnete das Zentrum monatlich 40 Neuzugänge. Die grösste Anzahl kam im Juni und Juli 2014 mit zirka 60 Asylsuchenden monatlich, drei pro Arbeitstag. Am wenigsten Zuweisungen vom Bund erhielt das Zentrum mit bloss acht neuen Personen im März 2015. Momentan leben 70 Asylsuchende dort. Das Zentrum ist aber ausgelegt für 100 Personen. Im April 2015 lebten Personen aus folgenden Ländern im Zentrum: Eritrea, Äthiopien, Syrien, Irak, Sri Lanka, Afghanistan, Libyen, Russland (Tschetschenien), Ukraine, Georgien, Kosovo, Somalia, Djibouti, Algerien und Tunesien.

Wer in Luzern angekommen ist, darf die Prüfung seines Asylgesuchs im Kanton abwarten und sich zumindest sicher fühlen. «Unser Ziel im Hirschpark ist es, die Klienten auf ein Leben im Kanton Luzern vorzubereiten und hier Fuss fassen zu lassen», erklärt Baptiste Aubert. Man garantiert ihre Sicherheit. Die Asylsuchenden lernen Regeln für das Zusammenleben in der Schweiz, zum Beispiel das Trennen des Abfalls, Wäsche waschen oder putzen. Die Asylsuchenden erfahren aber auch beispielsweise, dass es ein Ticket braucht im öffentlichen Verkehr Luzerns, wie man dieses löst und entwertet.

Es ist auch nicht so, dass die Asylsuchenden alle nur herumsitzen und Däumchen drehen. Viele arbeiten tagsüber in Beschäftigungsprogrammen und kommen erst abends wieder nach Hause. Mit einem Badge melden sich die Bewohner beim Eingang elektronisch ab und später wieder an, sodass man weiss, ob sie im Zentrum sind oder nicht.

Der Besuchstag für uns im Hirschpark beginnt um 8.30 Uhr. Wir begleiten zuerst Mohammed el Maghari, Übername Simo. Er ist Betreuer im Hausteam der Caritas und ein erfahrener Asyl-Mitarbeiter. «Ich habe in Alpnach gearbeitet, in Zug, und jetzt hier in Luzern. Hier gefällt es mir am besten», sagt er. Simo gehört zum Hausteam und ist unter anderem verantwortlich für die Reinigungsgruppe, die Einquartierungen und auch Ausquartierungen im Zentrum.

Die Ukrainerin Natalia hat Freude an ihrer Arbeit.

Die Ukrainerin Natalia hat Freude an ihrer Arbeit.

Das Zentrum wird täglich gründlich gereinigt

Täglich wird das Zentrum geputzt von Asylsuchenden. Es wird staubgesaugt, der Boden feucht aufgenommen, WCs, Duschen und Küchen werden gereinigt. Aber auch das Treppenhaus, die Terrassen und der Aussenbereich. «Viele unserer Klienten melden sich von sich aus für den Job», sagt Simo. Die Arbeit sei für manche Asylsuchenden, die im Krieg oder Gefängnis waren, sehr wichtig und eine Möglichkeit, wieder Bodenhaftung zu bekommen, erklärt der Betreuer. Geputzt wird mit professionellen Reinigungsmitteln, eine ganze Garnison davon steht in einem Raum zur Verfügung.

Wir treffen Natalia, eine junge Frau aus der Ukraine, auf dem Flur eines Stockwerks. Sie wischt gerade den Boden und gibt gerne Auskunft. «Ich bin froh um diese Arbeit. Ich habe bis jetzt nichts anderes gefunden», sagt sie. In der Küche dieses Stockwerks treffen wir ebenso auf eine Frau, die gerade ihr Frühstück für sich und ihre kleinen Kinder in der Küche zubereitet. Es gibt Bohnen mit Eiern. Im Zentrum kocht jeder für sich. Die Infrastruktur ist einfach, aber zweckmässig.

«Schweizer Tafel» beliebt

Weil sie mit sehr wenig Geld auskommen müssen (8 Franken pro Tag, bei guter Zusammenarbeit gibt es im Kanton Luzern noch 3.50 Franken Taschengeld zusätzlich), sind die Asylsuchenden froh um das Angebot der Hilfsorganisation «Schweizer Tafel». Jeweils mittwochs und freitags bringen Freiwillige frisch abgelaufene oder nicht verkaufte, aber noch essbare Lebensmittel ins Zentrum. Sie stammen oft von den Grossverteilern, aber auch Süssigkeiten von Bäckereien sind darunter.

«Beliebt sind Gemüse, Kräuter oder Schokolade», sagt Micha Amstad. Der 22-Jährige leistet Zivildienst im Hirschpark. Er hat an unserem Besuchstag die Aufgabe, die Verteilung von «Schweizer Tafel» zu organisieren und mit einem jungen Asylsuchenden aus Eritrea zu kontrollieren. Vor der Türe versammeln sich die Interessierten, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Es wurde ein Ablauf entwickelt, welcher eine gerechte Verteilung ermöglicht. Dabei darf jeweils nur eine Person in den Raum.

Heute acht statt fünf Stück

Zumeist Frauen machen Gebrauch vom Angebot. Viele davon mit Kindern. Sie fragen fast alle, wie viel Stück sie nehmen dürfen. Normalerweise sind es vier bis fünf Lebensmittel für Einzelpersonen, für Familien acht. «Heute dürft ihr acht Stück nehmen», sagen die beiden Organisatoren, auf Deutsch oder Arabisch. «Die Leute sind sehr dankbar für das Angebot», sagt Micha Amstad. Bei stärkerer Belegung des Zentrums sei der Andrang manchmal riesig für «Schweizer Tafel». Besonders beliebt sind an diesem Tag die kleinen Schokoladen-Osterhasen eines Grossverteilers.

Zwei Männer im mittleren Alter kommen herein, laufen durch den Raum auf die Terrasse des Zentrums. Zum Rauchen. Sie werfen einen kurzen Blick auf die Lebensmittel und schütteln den Kopf. Nein, kein Interesse an Spargeln, Peperoni oder Küchenkräutern. Ein Schoggihäsli nehmen der Russe und der Armenier aber dann doch, und auf ein Foto möchten sie ebenfalls.

Der Zivi Micha Amstad und sein Kollege organisieren die Essenverteilung von «Schweizer Tafel».

Der Zivi Micha Amstad und sein Kollege organisieren die Essenverteilung von «Schweizer Tafel».

Deutschunterricht für die Erwachsenen

Am Nachmittag hat der Autor die Gelegenheit, weitere Aktivitäten zu verfolgen. Dazu gehört auch eine Deutschlektion, erteilt von einem Zivildienstleistenden. Der 19-jährige Nils Egger hat kürzlich die Kanti Alpenquai abgeschlossen. «Wir fanden es wichtig, dass auch die Erwachsenen die Möglichkeit erhalten, Deutsch zu lernen im Zentrum. Deshalb geben wir Zivis den Erwachsenen Unterricht. Dabei erhalten wir auch Unterstützung von Freiwilligen.» Der Unterricht ist freiwillig.

Auch hier zeigt sich die momentane Unterbelegung des Zentrums: Nur vier Schüler aus Eritrea hat der «Zivi» heute. «Letzten Winter, als mein Vorgänger unterrichtete, waren es bis 20 pro Klasse», sagt er. Die Aufgabe bereitet ihm sichtlich Freude und er hat dafür extra ein Unterrichtsmittel kreiert. An einer Tafel vorne erklärt er grammatikalische Regeln wie zum Beispiel die Konjugation deutscher Verben. Die Eritreer konzentrieren sich, schreiben in ihre Hefte, sagen sehr wenig.

In Sri Lanka gefoltert

Ein anderer Bewohner im Hirschpark ist der 31-jährige R.* aus Sri Lanka. Der Mann ist nervös, als er seine Geschichte erzählt. Kurz bevor der Krieg 2009 in seiner Heimat vorbei war, erhielt er Besuch von der Polizei. Mit einem Kollegen zusammen habe er damals ein Computerbusiness betrieben, erinnert er sich.

Der Kollege habe Verbindungen zu den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gehabt. «Ich warnte ihn, dass das gefährlich ist, und hatte selber nichts mit den LTTE zu tun», sagt R. Dennoch sei er zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden, von 2008 bis 2014. Auch nach der Freilassung liess man ihn nicht in Ruhe, erzählt er hektisch. Er sei von der Geheimpolizei unangemeldet besucht und ausgefragt, später von der Armee in ein Camp mitgenommen, verhört und gefoltert worden. «Ich konnte nicht mehr leben in Sri Lanka», sagt er. Schliesslich durfte er in die Schweiz ausreisen, wohin er bereits früher wollte.

Im streng bewachten Empfangs- und Durchgangszentrum in Kreuzlingen sei ihm bei der Essensausgabe wieder das Gefängnis in der Heimat in den Sinn gekommen. Im Hirschpark-Zentrum gibt es keine Wachen. An einigen Abenden oder am Wochenende patrouillieren Securitas-Angestellte auf dem Gelände rund ums Zentrum. Das Zentrum hat Öffnungszeiten von 7.00 bis 22 Uhr. In den Bundeszentren müssen die Asylsuchenden ab 17 Uhr im Zentrum bleiben. Zu den Angestellten des Zentrums Hirschpark von der Caritas meint der Sri-Lanker: «Sie sind sehr hilfsbereit und unterstützen uns, wo sie können.»

Dieser 31-Jährige Asylsuchende aus Sri Lanka muss die Schweiz wahrscheinlich wieder verlassen.

Dieser 31-Jährige Asylsuchende aus Sri Lanka muss die Schweiz wahrscheinlich wieder verlassen.

Muss wahrscheinlich wieder ausreisen

Ob er bleiben darf, ist aber ungewiss. Vielleicht wird er bald in einen anderen Dublin-Staat ausreisen müssen. Baptiste Aubert begleitet den Sri-Lanker nach dem Gespräch mit zentral+, bei dem er ebenfalls dabei war, aus dem Raum, und er legt ihm den Arm auf die Schultern. Ein emotionaler Moment, wie es sie oft gibt im Asylzentrum. Welche Probleme die Asylsuchenden sonst noch haben, wie die Mitarbeiter damit umgehen und warum diese fordernde Arbeit ihnen trotzdem Freude bereitet, fragte zentral+ Zentrumsleiterin Martina Gerber (siehe Kasten unten).

*Name der Redaktion bekannt

 

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