Der Zugersee von oben.  (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Der Zugersee von oben. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

«Wesentlich ist, dass man sich integriert fühlt»

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Für den Zuger Volkswirtschaftsdirektor ist klar: «Identität hat mit Heimat und Beheimatung zu tun». Und um die Zuger Identität zu beschreiben, zieht er auch schon mal ein Zitat des Kabarettisten Marco Rima hinzu. 

Hat der Kanton Zug eine Identität? Dieser Frage ist zentral+ jüngst nachgegangen und hat verschiedene Exponenten dazu interviewt. Das Fazit: Eine einfache und abschliessende Antwort auf die eingangs gestellte Frage gibt es nicht. Das bestätigt auch Regierungsrat Matthias Michel. Er steht in Zug der Volkswirtschaftsdirektion vor, jener Direktion, die sich mit der Wirtschaft, mit dem öffentlichen Verkehr und der Landwirtschaft, mit der Berufsbildung und mit den Sozialversicherungen beschäftigt und den Kontakt mit dem Ausland pflegt. zentral+ hat auch Michel Fragen nach der Zuger Identität gestellt, die er uns schriftlich beantwortet hat.  

zentral+: «Der Kanton Zug hat selber kaum eine eigene Identität.» Diese Aussage hat jüngst Barbara Schneider, Vize-Präsidentin von Gastro Zug, gemacht. Was sagen Sie dazu?

Matthias Michel: Identität hat mit Heimat und Beheimatung zu tun, auch mit Merkmalen, welche eine Bevölkerung und einen Kanton auszeichnen. Die zitierten Aussagen zeigen meines Erachtens auf, dass unser Kanton – wie kaum ein anderer – eine sehr dynamische Entwicklung erfahren hat: Wenn sich vertraute Ortsbilder und die Zusammensetzung der Bevölkerung zum Beispiel durch Zuzügerinnen und Zuzüger rasch verändern, dann empfinden das manche Personen als Heimat- und somit Identitätsverlust.

zentral+: Das hat auch die Zuger Baudirektion festgestellt. In einer Mitteilung vom Februar schreibt sie, dass die überdurchschnittliche Bevölkerungsentwicklung und die gute Wirtschaftslage das Gesicht des Kantons Zug in den vergangenen Jahren nachhaltig verändert hätten. Viele Leute würden sich über den Verlust von vertrauten Ortsbildern, schönen Landstrichen und mithin gar der Zuger Identität beklagen.

Michel: Die Baudirektion knüpft in der besagten Mitteilung an «vertraute Ortsbilder und schöne Landstriche» an; es ist gerade eben das Ziel des Regierungsrates, mit der nächsten Richtplananpassung diese Identitäten zu erhalten. Das äussere Landschaftsbild ist aber nur ein Aspekt; es gibt viele weitere Identifizierungsmerkmale.

zentral+: Also hat Zug tatsächlich ein Identitätsproblem?

Michel: Wer die dynamische Entwicklung mit ihren Veränderungen als eine Gefahr für unsere Identität betrachtet, sieht primär ein Problem. Wer umgekehrt diese Entwicklung als Teil unserer Zuger Identität annehmen kann, sieht das positiv, wie zum Beispiel auch der Zuger Bühnenstar Marco Rima.

zentral+: Was ist denn Rimas Meinung?

Michel: Marco Rima sagte im Mai 2011 in einer Sonderbeilage der NZZ zum Kanton Zug: «Die Internationalität erfahre ich als Bereicherung. Man kann es mit München vergleichen, das auf der einen Seite bäuerlich, traditionell und konservativ ist und auf der anderen Seite mit grossen Firmen und vielen Zugezogenen auch einen internationalen Zug bekommen hat.» In der gleichen Medienbeilage habe ich ausgesagt: «Wir müssen uns zur Urbanität bekennen, zur Multikulturalität auch. Die Frage wird sein, wie unsere Jungen damit umgehen, dass auf den Strassen Englisch, Hochdeutsch und Spanisch gesprochen wird, und ob dieser Trend als Bereicherung oder eher als Bedrohung betrachtet wird. Als Vater von vier Kindern bin ich zuversichtlich, dass in Zug die junge Generation der internationalen Öffnung positiv gegenübersteht.» Dieser Meinung bin ich immer noch.

zentral+: Wie würden Sie die Zuger Identität beschreiben?

Michel: Einerseits gibt es Eigenheiten, die ich als «klassisch» bezeichnen würde. Das Zuger Chriesi – damit verstehe ich die ganze Kultur um die Kirsche – gehört dazu. Und gerade hier zeigt sich die Wichtigkeit: Die IG Chriesi hat mit ihren Aktivitäten grosse Beachtung gefunden. Dann die vielen Zuger Brauchtümer, Sagen und Legenden, der Zuger Stierenmarkt, der See mit seinem Sonnenuntergang, Körperschaften wie die Zuger Kantonalbank, die Zugerland Verkehrsbetriebe und die Wasserwerke Zug, der EVZ. Andererseits gibt es sogenannte Zuger Errungenschaften, die Zug im Verlauf der Zeit geprägt haben und von anderen Kantonen unterscheiden.

zentral+: Was meinen Sie damit?

Michel: Ich greife hier zurück auf Aussagen einer Facebook-Gruppe, welche danach fragt, wie Zugerinnen und Zuger sich selber sehen. Da steht etwa: «Du weisst, dass du Zuger bist, …. wenn du in den Badis der Stadt keinen Eintritt bezahlen musst, …wenn du ein ÖV-Netz hast, das sehr dicht ist, … wenn du mit vielen Politikern per du bist und so deine Anliegen direkt einbringen kannst, …wenn du im Parkhotel an der Bar sitzt mit Gerhard Schröder und Boris Becker». Gerade die beiden letzten Aussagen sind typisch Zug: Wir sind ein «global village», ein Kanton, in welchem dörfliche und kleinstädtische Strukturen und Traditionen herrschen und in dem gleichzeitig Menschen aus der ganzen Welt arbeiten und wohnen.

zentral+: Ist es überhaupt erstrebenswert, dass ein Kanton wie Zug eine eigene Identität hat?

Michel: Zweifellos ist es wichtig, dass wir uns mit anderen Menschen, Gruppen und einem Ort identifizieren können. Diese «innere Identifikation» würde ich auch als Beheimatung bezeichnen. «Heimat» ist zwar ein altes aber zugleich auch ein sehr aktuelles Wort. «Verortung» könnte man auch sagen, doch das tönt etwas technisch. Insofern ist es auch wichtig, dass wir uns mit einer Nachbarschaft, mit einer Gemeinde, einem Kanton und unserem Land identifizieren können. Ob sich eine Person nun eher als Oberwilerin oder Baarer, als Zugerin oder als Schweizer fühlt, ist sehr subjektiv. Umfragen zeigen, dass sich Schweizerinnen und Schweizer zuerst dem Land, dann der Wohngemeinde und erst als Drittes dem eigenen Kanton zugehörig fühlen. Für mich sind diese Unterscheidungen nicht so zentral. Wesentlich ist, dass man sich in unserem Staatswesen und Gesellschaft integriert fühlt und auch dafür einsteht.

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