Das rote Kreuz auf dem Wagen: Bourbaki ist ein Meilenstein im kollektiven Gedächtnis einer zur humanitären Hilfe verpflichteten Schweiz.
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Das rote Kreuz auf dem Wagen: Bourbaki ist ein Meilenstein im kollektiven Gedächtnis einer zur humanitären Hilfe verpflichteten Schweiz.

Vergessene Sternstunden der Solidarität

7min Lesezeit

Flüchtlingspolitisch zeigt der Kanton Luzern seine repressiven Krallen. Die Luzerner Bevölkerung war da in früheren Zeiten weiter. Ein Rückblick auf die früheren Luzerner Asyl- und Flüchtlingssituationen.

Delf Bucher

Flüchtlingspolitisch zeigt der Kanton Luzern seine repressiven Krallen. Besonders scharfe Töne schlägt der für die Flüchtlinge verantwortliche Guido Graf an, welcher der Partei mit dem hohen «C» angehört. Vergessen sind die Bibelsprüche der Sonntagsschule, in denen Jesus ein Manifest der Solidarität verkündete: «Ich war hungrig, ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war gefangen, ihr habt mich besucht, ich war durstig, ihr habt mir zu trinken gegeben.» Nein, die in ihrem Wehrdienst versklavten Eritreer sind des Flüchtlingsstatus nicht würdig. Und dieser an Bundesrätin Sommaruga gerichtete Appell, das gibt Graf unumwunden zu, geschieht aus Rücksicht auf die Öffentlichkeit.

Das war nicht immer so in Luzern

Die Luzerner Bevölkerung war da in früheren Zeiten weiter. Ja, die Luzernerinnen und Luzerner haben wahre Sternstunden der Solidarität erlebt. Blenden wir zurück in die kalten Februartage 1871. Damals herrschte wirklich das, was dem Wortsinn nach «Asylchaos» bedeutet. In der Stadt Luzern war bereits die Kaserne mit 1'500 französischen Soldaten der Bourbaki-Armee gefüllt. Und im Regierungsrat herrschte am 7. Februar grosse Nervosität. Denn besonders die Innerschweizer pflegten den Kantönligeist, schickten die ihnen zugewiesenen Soldaten zurück. Ihr Argument: Aus Yverdon sei ihnen keine klare Order gegeben worden. Der Luzerner Regierungsrat telegraphierte deshalb an das Oberkommando in Yverdon – ein Bundesamt für Migration gab es nicht: «Wir ersuchen um behördlichen Bericht, wohin die zuviel hierher gesandten französischen Soldaten befördert werden sollen.»

Bourbaki-Armee: Mit 80.000 französischen Soldaten löste sie eine veritablen «Asylchaos» aus.

Bourbaki-Armee: Mit 80.000 französischen Soldaten löste sie eine veritablen «Asylchaos» aus.

Spitäler sind gefüllt, auch in der Reithalle, die kantonale «Rosskaserne», drängen sich die Flüchtlinge. In der Not öffnet sich die Jesuitenkirche. Zwei riesige Scheiterhaufen in der Kirche sollen die garstige Kälte etwas mindern. Aber wie werden die französischen Flüchtlinge versorgt? In dieser improvisierenden Situation übernimmt die Luzerner Bevölkerung die Regie. Denn die Ankunft der hungernden Flüchtlinge macht in der Stadt schnell seine Runde und die Luzerner eilten schon bald mit Lebensmitteln der Jesuitenkirche zu. Später schreibt die «Luzerner Zeitung»: «So hat denn auch Luzern dieser Tage hindurch ein herrliches Schauspiel geboten. Abgesehen von der Wohltätigkeit gegen schon früher hier Internierte, war besonders am letzten Freitag erbauend zu sehen, wie ganze Gruppen von Stadtbewohnern mit Gaben der Jesuitenkirche zuzogen, wo vom 9. auf 10. Februar 1'100 Soldaten übernachteten. Besonders zeigte sich unter der Damenwelt ein herrlicher Wetteifer in den verschiedensten Übungen der Nächstenliebe.»

Dank Luzern der Naziarmee entronnen

Ein weiteres Beispiel aus der dunklen Zeit des heraufziehenden Weltkrieges. Hier benutzten Bürgergemeinde und politische Gemeinde der Stadt Luzern die Einbürgerung als Hebel, um junge Ausländer vor der Einberufung in den Krieg zu bewahren. Entgegen der Weisung des obersten eidgenössischen Fremdenpolizisten Heinrich Rothmund, mit Härte allen einbürgerungswilligen Ausländern im wehrpflichtigen Alter ihre Gesuche abzulehnen, sagte der damalige Luzerner Stadtpräsident Max S. Wey: «Trachten wir danach, die jungen Ausländer durch Erteilung des Bürgerrechts an uns und unsere Einrichtungen zu fesseln statt sie durch Abweisung in die Arme ausländischer Vereine zu treiben.» Mit den ausländischen Vereinen waren die nazinahen Organisationen oder Pro-Mussolini-ausgerichteten Clubs der deutschen und italienischen Kolonie in Luzern gemeint. Tatsächlich wurde ein besonderes Augenmerk auf die Nähe der Antragsstellern zu den faschistischen Regimen gerichtet. Verklausuliert wurden die politisch motivierten Ablehnungen protokolliert. Da heisst zum Beispiel: «Immer noch Preusse!» Glück dagegen hatte der in Luzern aufgewachsene Roland Schwarzbach, dem trotz schon überstellten Stellungsbefehl der Nazi-Wehrmacht, das Bürgerrecht 1940 erteilt wurde – gegen die Order des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements.

Das rote Kreuz auf dem Wagen: Bourbaki ist ein Meilenstein im kollektiven Gedächtnis einer zur humanitären Hilfe verpflichteten Schweiz.

Das rote Kreuz auf dem Wagen: Bourbaki ist ein Meilenstein im kollektiven Gedächtnis einer zur humanitären Hilfe verpflichteten Schweiz.

Rosengart-Museum als Geschenk

Würde aber heute Rothmund im Bundesamt für Migration sitzen, würde er in Luzern auf offene Ohren stossen. Wenn es auch problematisch ist, die totalitäre Diktatur Eritreas mit der NS-Terrorherrschaft in Deutschland zu vergleichen, sticht die argumentative Nähe der Grafschen Argumentation mit der von Heinrich Rothmund ins Auge. Erinnern wir uns: In den düsteren Zeiten verweigerte Rothmund den jüdischen Flüchtlingen die Anerkennung als politische Flüchtlinge, weil dies den heimischen Antisemitismus noch mehr befördern könnte. Ähnlich begründet heute Regierungsrat Graf seinen geforderten Eritreer-Stopp mit der Reaktion der Öffentlichkeit (siehe Artikel von zentral+).

Das Gute zum Schluss: Luzern selbst ist dank seiner liberalen Einbürgerungspraxis ein grosses Geschenk zuteil geworden – das Rosengart-Museum. Der jüdische Kunsthändler Siegfried Rosengart-Müller wurde 1934 eingebürgert, zu einer Zeit, in der dies in manch anderen Gemeinden längst keine Selbstverständlichkeit mehr war.

 

Das Bourbaki-Panorama: Ein Ort, der an die humanitäre Schweiz erinnert und dem geschichtlichen Gedächtnisverlust entgegenwirkt.

Das Bourbaki-Panorama: Ein Ort, der an die humanitäre Schweiz erinnert und dem geschichtlichen Gedächtnisverlust entgegenwirkt.

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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