An der Universität ist Ruhe eingekehrt. (Bild: Markus Forte)
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An der Universität ist Ruhe eingekehrt. (Bild: Markus Forte)

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Der Weihnachts- und Neujahrstrubel ist vorüber, der Alltag kehrt schleichend zurück. Doch an der Uni Luzern ist es während der Semesterferien sehr ruhig geworden, zu ruhig.

Malte Vogt

Anstelle netter Arbeitskollegen sitzen unzählige unbekannte Gesichter an ihren Laptops. Deine Kollegen sind noch nicht zurück aus ihrem Urlaub, und es beschleicht dich das Gefühl grösster Einsamkeit, welches dich lähmend an den Boden drückt.

Dort, in dem Raum, welcher Esszimmer, Tee-Ecke und Arbeitszimmer zugleich ist, wo Bücherregale und chinesische Malereien die Wände verdecken, steht ein alter Weihnachtsbaum. Leicht bräunlich wirken die Nadeln, in denen sich das Wachs der Kerzen verfangen hat. Du hattest ihn noch etwas stehen lassen, für den Besuch am nächsten Tag. Es sollte etwas festlicher wirken.

Der Besuch ist wieder abgereist, doch der Baum steht immer noch dort. Du hast bis jetzt keine Zeit gefunden, ihn zu entsorgen, und es auch noch nicht als sonderlich dringend empfunden. Ohne Vorlesungen und Seminare ziehen sich die Tage in die Länge. Du verlierst dich in dem Gefühl, für alles noch endlos Zeit zu haben, und gleichzeitig machst du dir Sorgen, du könntest den Abgabetermin deiner Seminararbeit verpassen.

Laut wirst du nie

Und so sitzt du die meiste Zeit wohl an irgendwelchen Schreibtischen, schleichst durch die Uni-Bibliotheken, tippst irgendwelche Sätze in leere Word-Dokumente und verlierst dich in der Stille des geistigen Schaffens.

Dein studentisches Leben ist häufig sehr, sehr leise. Anders, als noch zu den ideologisch lebhafteren und historisch verklärten 1968ern sind die Universitäten sehr ruhig geworden. Du diskutierst nur noch wenig, hast das Feld geräumt. Stattdessen sammelst du Credits. Deine ideologischen Vorbilder heissen nicht Marx, Engels oder Rudi Dutschke, deine Ideologie heisst Selbst-Optimierung – aber das hast du längst verinnerlicht.

«Du hast es nie gelernt, deine Meinung zu vertreten, hattest du überhaupt je eine?»

Du bist auch nicht Mitglied einer politischen Studentenbewegung, du bist allein. Die Gesellschaft interessiert dich nicht wirklich, zumindest so lange, bis die Debatten, an denen du nicht teilnimmst, deinen Erkenntnissen widersprechen. Doch du bleibst still. Du wirst ein wenig jammern, bei einer Zigarette vor der Uni Luzern deinen Kommilitonen sagen, wie schlimm das alles sei. Aber laut wirst du nie.

Jeder studiert für sich allein

Diskutieren und Debattieren gehören nicht mehr in dein Studium. Das übernehmen «die anderen» für dich. Und mit wem solltest du schon diskutieren, hier vor dem Laptop in der Bibliothek? Eine Gruppenarbeit hast du schon lange nicht mehr geschrieben, allenfalls einen Vortrag in einer kleinen Gruppe gehalten. Aber da war der Inhalt vorgegeben und eine Diskussion nicht nötig. Du hast es nie gelernt, deine Meinung zu vertreten, hattest du überhaupt je eine?

Einsam verbringst du den Morgen mit der Vorbereitung auf den Moment, in dem du produktiv werden könntest. Du liest die Nachrichten, da du dich gerade nicht konzentrieren kannst. Das Klacken der Tastatur deines Sitznachbarn macht dich nervös. Du rechnest, wie viele Stunden du gewinnen könntest, wenn du am Abend arbeiten würdest, wenn du deine Ruhe hast, und gehst anschliessend Kaffee trinken. 

Es ist zu viel zu tun

Bei der Frage, ob du Zucker in deinen Kaffee möchtest fühlst du dich für einen Moment nicht mehr so einsam. Deine Antwort ist dein erster Satz des Tages, auch wenn dich die Frage fast ein wenig überfordert. Doch das war nur ein kurzer Augenblick. Schon bald starrst du wieder auf die kommentierten Kommentare deiner optimierten Facebook-Freunde, deren Meinungen so heterogen wie gutes Quittengelee sind. Du setzt deinen Status auf «beschäftigt» und schleichst anschliessend mit deiner Tasche unter dem Arm Richtung Luzerner Bahnhof.

Alleine kommst du zurück in deine kleine Wohnung, starrst auf den Weihnachtsbaum und stellst fest, dass er vielleicht noch ein wenig stehen bleiben kann, so ein, zwei Tage. Schliesslich musst du noch viel für die Uni tun.

Aus dem zentralplus Blog Campus-Blog

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